Folgen
Wie in einer Trance hatte sich der Spanier in sein Zimmer begeben. Er war an seiner Schwester vorbei gelaufen und hatte die Tür hinter sich ins Schloss fallen lassen. Es war einfach nicht zu glauben für ihn! Was war da eigentlich passiert? Wie war es passiert? Wirklich, er konnte das nicht in Worte fassen. Langsam ging er näher an das Fenster und sah auf seinen Schreibtisch, der vollgepackt war mit Unterlagen zur Schule und einer groben Route nach New York. Sein Körper begann zu zittern und mit einem festen Ruck warf er alles von dem Tisch herunter! Egal ob es kaputt ging oder nicht! Miquel war gerade einfach alles egal! Er kam auf das Ganze nicht klar! Warum tat Lan ihn das an? Er wusste doch, dass er auf ihn stand, nein, dass er in ihn verliebt war! Warum machte er das?
„Hermano?“, eine unsichere Stimme ertönte hinter ihn und Miquel
brauchte sich nicht umzudrehen um zu wissen, dass es sein großer Bruder
war. Doch er wollte mit ihm nicht reden, nicht über das was in ihn
vorging und schon gar nicht über Lan. Wirklich nicht! Warum sollte er
mit ihn darüber reden? Er war doch eh auf Lans Seite! Sie waren immer
alle auf Lans Seite! Seufzend wand er sich um und rang sich ein Lächeln
ab. „Sí?“
„Was ist los mit dir?“
„Mit mir? Madre hat mich eben zusammengefaltet, weil ich mit einem Auto,
das mir nicht gehört, bis nach New York gefahren bin und sie angelogen
habe. Von der Schule will ich gar nicht erst anfangen…“, seine Hand
machte eine abwinkende Geste. „Das ist wirklich alles, was mich
beschäftigt!“
„Das kannst du ja allen erzählen aber nicht mir! Jetzt wirklich, was
ist mit dir los?“ Er sah auf den anderen und ging näher auf sein
jüngeres Ebenbild mit den blauen Augen zu. „Was ist los?“
„Singe ich? Madre hat mich zusammengefaltet!“
„Hermano! Ich habe dich beobachtete! Du bist schon so komisch drauf,
bevor sie mit dir geredet hat. Du weißt sicher nicht mal, was sie alles
zu dir gesagt hat. Deine Gedanken waren wo anders… also sag mir schon,
was mit dir los ist!“ Er wartete auf eine Antwort, die er nicht bekam
und langsam wurde Enrique sauer. „Okay, ich bin nicht dumm! Ich weiß,
dass es hier um Lan geht und wenn du es mir nicht sagen willst, dann
werde ich es mir von ihn sagen lassen!“ Enrique wand sich um und lief
zur Tür. Er war sich sicher, dass Miquel ihn gleich aufhalten würde! Er
würde nicht wollen, dass er mit dem Rotschopf redete.
Doch wieder wartete vergeblich auf eine Reaktion. Jetzt stand er vor
Miquels geschlossener Tür und sein Bruder reagierte einfach nicht. So
drehte sich der Spanier um und griff wieder nach der Türklinke, als er
hörte wie die Tür verschlossen wurde. Argh! Miquel regte ihn langsam
wirklich auf, doch er wusste auch, dass es nichts bringen würde ihn
weiter zu bedrängen. Dann musste er wirklich mit Lan reden!
Zugleich lief er den Wohnungsflur entlang zu den Schuhen. Tief in
Gedanken versunken griff er nach seinen Paar und schlüpfte hinein. Sich
nach unten beugend schnürte er die Turnschuhe fest und richtete sich auf
um nach Miquels Jacke zu greifen. Klar hatte er eine eigene, aber
Miquels Sachen passten ihm ausgezeichnet und waren vor allen Dingen auch
hübscher als seine eigenen, also nahm er die Jacke des kleinen Bruders.
Mit einen Griff nach den Haustür- und Autoschlüssel begab er sich nach
draußen und hatte sein Ziel klar vor Augen: Lan!
Der Rotschopf saß
bei seinen Großeltern am Abendbrottisch und stocherte mit der Gabel
durch das Gemüse. Er hatte es nur schwer geschafft sich zu beruhigen und
nun versuchte er gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Immer wieder
piekte er mit der Gabel eine Erbse an, die er dann einmal quer über den
Teller zog nur um sie an einem Stückchen Möhre wieder von der Gabel zu
streifen und das Spiel von vorn zu beginnen.
„Pombo? Was ist denn los? Du isst nichts und dabei magst du doch das Essen von deiner Großmutter immer so!“
Er sah auf seinen Großvater und lächelte leicht. „Ja, ich bin nur satt… Wir haben in New York so viel gegessen!“
„Also bist du gut mit Enrique die letzten Tage ausgekommen?“, fragte
sein Großvater lächelnd, der immer noch der festen Überzeugung war, dass
sein Enkel mit Miquels Bruder unterwegs gewesen sei und griff nach der
Selters. Er schraubte die Flasche aus und füllte sie geräuschvoll in
sein Glas ein, bevor er absetzte und die Flasche wieder verschloss. „Ich
meine ihr fahrt einfach mal drei Tage nach New York.. gut, ihr wart
mehr auf der Straße als alles andere, aber ihr solltet schon gut
ausgekommen sein!“
„Ja… wir sind gut ausgekommen!“
„Wie gut?“
„Opa…“, murmelte er und sah hoch auf den Mann, der mit ihn sprach. „Enrique und ich sind kein Paar!“
„Aber was seit ihr denn dann? Immerhin dachten wir immer du und dieser
Mitchel seit zusammen, immerhin war er ein sehr netter junger Mann, aber
jetzt ist er nicht mehr derjenige welcher und du fährst mit dem Bruder
von der kleinen Isabella nach New York!“ Er sah erwartungsvoll auf den
rothaarigen Jungen, der seinen beiden Söhnen und gerade Drake, Lans
Onkel, so ähnlich sah und wartete auf eine Antwort.
„Freunde… vielleicht…“ Lan konnte das nicht beantworten. Zugleich hatte
er einen Kloß im Hals und das Schlucken fiel ihm schlagartig schwer.
Wenn er daran dachte, dass er Miquel das Herz schon wieder gebrochen
hatte wurde ihn schlecht! Es wurde ihn schlecht, weil er sich selbst
nicht mehr im Spiegel in die Augen sehen konnte. Er hatte den Blonden
verletzt! Dabei wollte doch er selbst nichts mehr als mit ihm zusammen
sein. Was sollte er nur machen?
Es läutete und Lan wollte aufstehen, als sein Großvater das bereits tat.
„Ess‘ weiter, Pombo! Du musst groß und stark werden, mein Kleiner!“ Er
zwinkerte ihn zu und legte ihn liebevoll die Hand auf die Schulter,
bevor er weiter nach ging und die Küche verließ. Sein Weg führte ihn zur
Tür und durch das Fenster aus grünem Glas konnte er einen blonden
Haarschopf erkennen. Langsam öffnete Senior Smith die Tür und steckte
seinen rötlichen, aber mit grau melierten Haarschopf, nach draußen und
sah auf den jungen Mann vor der Tür. „Ah! Enrique! Wir haben gerade über
dich geredet. Bist du zu Hause gut empfangen wurden? Hat dir New York
so gefallen wie Lan? Und willst du zum Essen herein kommen, bevor ich
dich weiter belagere?“ Er sah den anderen an und lachte leicht.
Enrique zog eine Augenbraue in die Höhe und musterte Lans Großvater? Was
wollte er von ihm? Er war doch gar nicht mit Lan in New York gewesen.
„Ich… wollte eben nur mal mit Lan reden, ist das möglich? Ist er noch
hier?“ Immerhin hatten sie das Auto ja von hier gehabt und es stand
wieder in der Einfahrt.
„Du willst nicht herein kommen? Gut, dann holen ich dir Lan!“ Er
zwinkerte Enrique zu, der nur noch verwirrter war und lief auf die Küche
zu. Gut hörbar für alle rief er: „Pombo! Pombo, mein Junge Enrique ist
an der Tür! Er hat doch wohl schon vermisst!“
„Großvater!“, hörte man Lan empört, der schnell aus der Küche kam, dann
aber schlagartig langsam wurde. Er sah auf die Jacke und blieb stehen.
Miquel? Das war Miquel, oder? Er war sicherlich hier um ihn weh zu tun!
Ja, das war er sicherlich. „Hör mir zu, ich habe dir doch gesagt, dass
das mit uns keine Zukunft hat!“, sprach er leiser und lief mit gesenktem
Blick auf die Haustür zu. Hoffentlich lauschten seine Großeltern nicht.
„Ja, wir hatten eine schöne Zeit in New York und ja, ich war es, der
dich geküsst hat und auf deinen Gefühlen rumgetrampelt ist, aber du
hättest wissen sollen worauf du dich einlässt!“ Der Rotschopf griff nach
der Tür und wollte sie zudrücken, als man ihn schlagartig am Kragen
packte.
„Du kleine miese Ratte!“, knurrte die dumpfe Stimme von Enrique und zugleich bereute Lan noch mehr irgendwas gesagt zu haben.
„Enrique? Enrique! Ich… ich habe das nicht so gemeint! Wirklich nicht! Ich…“
„RUHE!“ Er zog ihn am Kragen vor die Tür und drückte ihn gegen die
Hausfassade mit den Rücken. „Du wagst es mit Miquel zu spielen? Du wagst
es? Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du dich von ihn fernhalten
sollst, wenn es dir nicht ernst mit ihm ist und du trampelst immer
weiter auf den Gefühlen von ihm rum! In einer Tour! Du, Ratte! Du bist
ja so abartig! Macht dir das Spaß?“ Der ganze Körper des Spaniers
zitterte und er war geneigt Lan die Fresse zu polieren!
„E… Enrique… nicht…nicht! Lasse mich erklären!!“
„HALT DIE FRESSE!!! DU KOMMST MIQUEL NIE WIEDER ZU NAH! UND WAG ES DIR
AUCH NIE WIEDER UNSERE WOHNUNG ZU BETRETEN! MIR EGAL, WO DU DICH MIT
BELLA TRIFFST, ABER NICHT BEI UNS!“ Er zog ihn näher zu sich und in
seinen Augen sah man einfach nur Wut. „VERSTANDEN?“
Der Rothaarige nickte so gut wie er konnte und presste zwischen seinen
zusammen gepressten Lippen ein „Ja…“ hervor. Dann wurde er aber gleich
runter, mehr fallen, gelassen und Enrique ging wutentbrannt zu seinem
Augen. Lan kämpfte mit seinen Tränen und rannte zugleich nach drinnen.
Die Haustür warf er ins Schloss und rannte nach oben in sein Zimmer. Die
Tür verbarrikadierte er zugleich und warf sich auf das Bett. Und das
alles nur, weil er sich in Miquel verliebt hatte. Vor der Tür versuchten
vergebungslos seine Großeltern mit Lan zu reden.
In Rage öffnete
Enrique die Tür und warf die Schlüssel in die dafür vorgesehene Schale.
Lan war so ein Arsch! Nein, wirklich. Es störte ihn vollkommen. Wie
konnte er so auf Miquels Gefühlen rumtreten? Wie?
„WIE KANNST DU DICH SO BENEHMEN?“, schrie Isabella ihren Bruder an, als
sie gerade aus ihrem Zimmer kam und ihr Handy noch zusammen klappte. „DU
KANNST MIT LAN NICHT SO REDEN!!“
Enrique begann zu lachen, aber kein fröhliches eher ein genervtes
Lachen. „War ja klar, dass er sich gleich bei dir ausheult! Wie alt ist
der Junge? Fünf? Also wirklich, er soll mal aus dem Hintern kommen, wie
kann man sich nur so benehmen?“ Er schüttelte den Kopf und sah auf seine
rassige Schwester. „Ich werde mit dir darüber nicht diskutieren!“ Damit
war für Enrique die Sache abgehakt und eigentlich wollte er in die
Küche, als er sah, dass Bella auf den Weg zu Miquels Zimmertür war. Er
drehte sofort auf dem Absatz um und schnappte das lockige Mädchen an der
Hüfte und hob sie zugleich hoch. Er warf sie sich über die Schulter und
die Jüngere begann zu zappeln und zu zetern. „AH!! Lass mich runter!
Ich will mit ihm reden! Er muss das wissen!“
„NEIN!“, donnerte Enrique und Bella war für einen Moment wirklich still.
Sie hatte ihren Bruder noch nicht so mit sich reden hören und erst, als
er sie in ihr Zimmer stopfen wollte, dann begann sie wieder zu
strampeln. „LASS MICH RUNTER!“
„Du bleibst da drin!“ Er warf sie auf das Bett und klaute ihr Handy. „Du
wirst Miquel auch nicht anrufen!“ Zugleich war Enrique wieder aus dem
Raum und seine Schwester rannte ihm nach. Zugleich holte sie verdammt
viel Anlauf und sprang dem Blonden auf den Rücken. Zugleich fing sie in
an, an seinen Haaren zuziehen und schlug ihn mit der anderen Hand auf
die Schultern.
Sie merkten gar nicht, dass Miquel gerade sein Zimmer verlassen hatte
und die Beiden skeptisch beobachtete. Das war ja schon etwas komisch.
Aber wollte er wirklich wissen, was sie hatten? Ehhh, nein! Er ging in
die Küche und nickte seiner Mutter zu, die am Küchentisch saß. „Willst
du nichts gegen machen?“
„Ich schreibe mir die Schimpfwörter auf, damit ich sie gebührend dafür bestrafen kann!“
„Klasse Geschichte!“ Miquel öffnete den Kühlschrank und beugte sich
leicht hinein um an den Orangensaft zu kommen. „Ich geh‘ gleich noch mal
weg!“
„Du hast Hausarrest!“
„Ach ja… Darf ich noch mal weg?“
„Aber nur eine Stunde!“
„Danke, Madre!“ Der Blonde ging zu ihr und umarmte seine Mutter von
hinten und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe. „Und bestrafe sie schön!“
„Natürlich! Und.. Miquel?“
Der Spanier, der sich von seiner Mutter gelöst hatte und auf den Weg
schon wieder raus aus der Küche war, hielt in der Bewegung inne und
drehte seinen Oberkörper zu seiner Mutter und legte den Kopf leicht
schief, bevor ein: „Sí?“, seinen Mund verließ.
„Du suchst dir einen kleinen Nebenjob! Zwar hast du die Studiengebühren
für New York gesammelt, aber es dauert noch etwas bis das Schuljahr
anfängt und bis dahin brauchst du etwas Geld für eine Unterkunft! Zudem
musst du in New York sowieso einen Job annehmen, weil wir dir nichts
bezahlen können und so kannst du dich schon einmal etwas drauf
einarbeiten!“
Der Blonde nickte langsam und schien für einen Moment zu überlegen.
„Okay, ich schaue mal ob ich was im Diner bekomme!“ Der Blonde nickte
ihr zu und begab sich selbst in den Hausflur. Jetzt musste er erst
einmal an den beiden Streithähnen vorbei kommen und mit seiner Jacke,
Schuhen und Schlüsseln verschwand er aus der Wohnung.
Er hatte da ein Freundschaftsverhältnis wieder aufzubauen irgendwie!
Doch hatte er keine Ahnung wie er das genau machen sollte. Er hatte es
bei Camilo ganz schön versaut! Aber vielleicht reichte es ihn einfach,
wenn er ihn alles erzählte und er würde ihn allein durch die
Schadenfreude wieder verzeihen, immerhin kannte er ja seinen Cousin.
Aber Miquel hatte nur eine Stunde.
Jetzt machte er sich erst einmal auf den Weg zu ihm und klingelte. Es
dauerte nicht lang und die Tür wurde geöffnet und es war Carloz, sein
älterer Cousin, der ihm öffnete. „Was willst du hier, Gaby?“
„Nenn‘ mich nicht Gaby!“, brummte der Blonde und sah den anderen böse an.
„Ist Camilo da?“
„Tonio ist da, ja! Komm rein, sein Zimmer! Das mit der grässlichen Musik!“
„Ich weiß welches Camilos Zimmer ist…“ Er betrat das Haus und verstand
nach wie vor nicht was Carloz nur immer mit ihren zweiten Vornamen
hatte! Nun wirklich nicht. Argh. Aber nun ja, so lange nur er ihn so
nannte… Okay, die Sache war allgemein schlimm! Miquel mochte seinen
Zweiten Vornamen Gabriel einfach nicht! Nun wirklich nicht!
Er begab sich zu dem Zimmer seines Cousins und klopfte an. Die Musik
drin wurde leiser und schwungvoll öffnete ein tanzender Camilo die Tür
und knallte sie sofort wieder zu. „Verschwinde wieder!“
Miquel stand vor der Tür und spielte kurz mit der Mimik seines
Gesichtes. Er hatte ja nichts anderes erwartet. „Komm schon, Camilo…!“
„NEIN!“ Die Musik wurde wieder lauter gedreht und der Blonde blieb vor
der Tür stehen. Nach einer viertel Stunde gab er es dann doch auf und
schrieb ihn einen Zettel, den er zuvor noch unter der Tür durch schob.
Dann begab er sich zurück nach Hause. Er hatte immerhin nur eine Stunde
und er wollte seine Mutter nicht noch mehr erzürnen.
Vieles ging Miquel durch den Kopf, doch eine Sache, die Schwor er sich:
Er würde sich entlieben! Komme was wolle! Er wusste noch nicht wie er es
machen sollte, aber es war nötig! Er, Miquel Gabriel Marquez, würde
aufhören in Lan verliebt zu sein!
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