Montag, 3. Dezember 2012

Closer to the Edge – Kapitel 1

Shorewood, Illinois – 17. Februar 1995 – 20:45 Uhr
Immer wieder flackerten Blitze am Himmelszelt auf und alles wurde schließlich in einem Grollen getaucht. Regen prasselte unaufhaltsam zu Boden. Der kleine Junge rannte unaufhörlich weiter, so wie die Tränen seine Wangen herunterliefen. Diese Februarnacht war nass und kalt und immer wieder traten die besockten Füßchen in eine Pfütze, auf die bald die nächste und übernächste Folgte.


Kieran hatte solch eine Angst! Er wusste nicht wo er war und dann auch noch dieses böse Grollen, das ihn zu verfolgen schien. Bald konnte der kleine Knirps einfach nicht mehr, wodurch es ins straucheln geriet und auf die Knie fiel. Stärker begann er zu weinen, als er sich umsah und überhaupt nicht sagen konnte wo er eigentlich war. „Mama…“, flüsterte er leise, denn auch wenn sie immer böse zu ihm war, sie war eben das Einzige was er kannte.
Plötzlich ließ der Regen über den Kleinen nach und er wand erschrocken den Blick nach oben. Ein Regenschirm. Hastig wand er seinen Blick um und entdeckte den Halter des Schirmes. Ein, in seine Augen, großer Junge und auch du Schreck, ihn gab es gleich zweimal? Zu gleich rieb sich der Fünfjährige die Tränen nassen Augen, denn es musste daran liegen, dass er doppelt sah! Aber egal wie fest er auch rieb es blieben weiterhin zwei.
„Was machst du denn so allein hier?“, ragte der mit dem Schirm Kieran und beugte sich leicht zu ihm herunter. Der Teenager, mit der eindeutig italienischen Abstammung, musterte das Kind und zog eine Augenbraue hoch, als er sah, dass der Kleine nur Socken trug.
Kieran hingegen starrte die Beiden einfach nur an. Er hatte vorher eindeutig noch nie Zwillinge gesehen, aber woher sollte er das auch kennen?
„Hey, Kleiner, ich rede mit dir?“
„Lass uns weitergehen, Villano!“
„Hast du den Kleinen dir mal angesehen?“
„Der will aber nicht mit dir reden!“
„Aber mit dir wohl? Ist klar, Angelo!“
Der Teenager namens Angelo grinste seinen Zwilling herausfordernd an und ging dann auf Kieran zu. Langsam ging er vor ihn in die Knie und stupste ihn gegen das Knie: „Was schaust du denn so schockiert? Noch nie zwei gesehen, die gleich ausschauen?“
Der Fünfjährige nickte.
„Aber wir sind beide echt!“ Angelo hielt Kieran seine Hand hin und beobachtete wie der Junge fasziniert danach griff und immer wieder zu Villanos Hand am Schirm linste. „Und was machst du allein hier?“
„Mama war böse…“, flüsterte Kieran ganz leise und starrte die Hand zwischen seinen Fingern förmlich an.
„Und da rennst du so raus?“
Wieder ein Nicken von Kieran.
Ohne weiter darüber nach zu denken hob Angelo Kieran hoch und hielt ihn gut bei sich. „Komm, wir schauen mal ob deine Mama sich nicht doch freit, wenn du gesund und munter wieder nach Hause kommst?!“
Wieder nickte Kieran, doch dieses Mal viel zögerlicher als zuvor.
„Wir bringen ihn jetzt also nach Hause?“, fragte Villano überrascht.
„Das wolltest du doch!“
Angelo packte den kleinen mit in das Auto, aus dem die Brüder gestiegen waren. Er hatte Glück, dass der Kleine die Adresse wusste und so fuhren sie erst einmal los!

Der Kleine Schwarzhaarige war während der Fahrt an den Italiener gelehnt eingeschlafen. Sie erreichten die Adresse und Villano musterte das Haus, vor dem sie gehalten hatten. „Die Haustür steht auf!“, stellte er fest und brachte seinen Bruder so dazu ebenfalls zu der Tür zu sehen.
„Hat sicherlich der Kleine aufgelassen!“
„Aber bedenke mal wo wir ihn aufgegabelt haben… und da soll noch keiner das mit der Tür bemerkt haben? Er war ja nicht gerade um die Ecke!“ Das keiner das bemerkt haben sollte war für Villano doch sehr unwahrscheinlich.
„Stimmt…“ Angelo beugte sich nach vorn zum Fahrer, nach dem er Kieran liebe voll auf den Rücksitzt gelegt hatte.  „Alfredo.“, sprach er den Anfang Zwanziger auf den Fahrersitz. „Behalte den Kleinen im Auge! Wir gehen da mal rein!“
Leise stiegen die Zwillinge aus und gaben sich besonders beim Tür schließen extra viel Mühe keinen Lärm zu machen.
Zusammen begaben sie sich zu der offenen Eingangstür.
„Hallo?“
Keine Antwort.
„Ist jemand zu Hause?“
Und wieder blieb es still.
Die Zwillinge sahen sich an und Angelo zuckte mit den Schultern. Er ging einfach mal rein und sah sich um. Zuerst sah er die große Treppe, vielleicht war ja jemand oben? Er lief näher heran und stellte sich auf die unterste Stufe: „Hallo?“, rief er nach oben und lauschte, doch wieder gab es keine Antwort.
„Hey, Angelo!“ Villano hatte seinen Bruder angetippt und deutete auf den Fußboden. Über den zogen sich von einem Raum aus bis zur Haustür kleine, blutige Fußspuren, die immer weiter ausblichen je näher sie zur Haustür kamen. Der Brünette zog eine Augenbraue nach oben und folgte den blassen Spuren, bis sie immer kräftiger wurden und landete bei der Küche. Mit den Fuß stieß er die Pendeltür auf und lugte hinein, sein Bruder gleich hinter ihn.
„Die liegt nicht gesund da!“
Sie gingen in die Küche und die Zwillinge knieten sich neben die Frau in der Blutlache.
„Ich korrigiere dich, sie hat es eindeutig hinter sich!“, sprach Angelo ruhig, als würde er jeden Tag eine Leiche sehen. Er hob seinen Blick, um sich umzusehen. „Das erklärt zumindest, warum der Kleine in dem Zustand durch den Regen rennt… nun ja zumindest ein Bisschen!“ Der Teenager richtete sich schließlich auf, sah sich weiter um und grinste plötzlich. „Suchen wir das Zimmer des Kleinen!“
„Warum?“
„Wir nehmen ihn mit!“ Zugleich setzt Angelo an und begann die eine oder andere Tür zu öffnen, was er schnell auch auf Schubladen und Schränke erweiterte.
„ANGELO!“, schrie Villano seinen Bruder an, als er ihn endlich an den Schultern zu packen bekam. „Du willst ihn mitnehmen?“
„Sag‘ ich doch!“
„Warum? Ich meine… Nein. Nein! Angelo, denke nicht einmal daran! Der Junge ist nicht einmal 10!“
„Aber total süß! Und glaub mir, der wächst ganz fix, wird sicherlich verdammt hübsch und dann wird er perfekt dafür sein!“
„Das kannst du nicht machen!“
„Wir können ihn auch einfach hier lassen! Wollen wir ihn reinholen und neben seine Mutter legen? Er bekommt sicherlich einen schönen Schock, wenn er neben der Leiche aufwacht!“ Angelo sah eindringlich auf seinen Bruder,  der mit sich selbst einfach nicht ins Reine kommen wollte. Klar hierlassen konnten sie ihn nicht, aber mitnehmen wollte er auch nicht.
„Bringen wir ihn einfach in ein Heim!“
„Als ob ich so ein potential für ein Heim verschwende! Und haben will ihn sicher keiner! Er ist kein Baby mehr!“
Stille herrschte plötzlich zwischen den Brüdern. Villano seufzte schließlich auf. „Okay… okay! Wir nehmen ihn mit, aber nur, wenn du mir versprichst, dass du bei dem Jungen nichts machst solange wir unter einem Dach leben!“ Und er war sich sicher bis der Tag kam an dem er auszog war der Kleine aus der Gefahrenlage heraus!
„Wenn es sein muss!“ Angelo zuckte mit den Schultern und fing an sich weiter umzusehen. Immerhin war er auf der Suche nach den Zimmer des Kleinen und vielleicht die ein oder andere Unterlage!

Joliet, Illinois – 18. Februar 1995 – 07:18 Uhr
Als Kieran wieder wach wurde, da fühlte er zuerst einfach nur Wärme! Es war alles so schön warum um ihn herum, dass er gleich seine Augen wieder schloss um den Moment besser bei sich behalten zu können, der gefiel ihn wirklich sehr! Doch als er dann Gähnen musste öffnete er dann schließlich doch seine Augen und sah sich um. Schnell bemerkte er, dass er nicht zu Hause war und schreckte hastig zusammen. Wo hatte man ihn hingebracht? Wo war er? Schnell rutschte er zum Rand des großen Bettes, in dem er lag und kletterte heraus.

Seine nackten Füße tragen auf, überraschenderweise, warmen Liminatboden. Mit vorsichtigen Schritten wollte er zur Tür, als diese sich öffnete und der Junge erstarrte.
„Ach du bist ja schön wach!“, sprach der Teenager vor ihn, mit dem Kaffee in der Hand und ging auf den Jungen zu. „Hast du gut geschlafen?“
Verwirrt sah in der Kleine an. Wollte man ihn nicht nach Hause bringen.
Angelo, der das kleine, fragende Gesicht sah, lächelte er Kieran an. „Deine Mama hat gesagt, dass wir eine Weile auf dich aufpassen sollen, weil sie ganz eilig wohin musste. Wir können ja in der Zeit ganz viel miteinander machen und gaaaanz viel Spaß haben zusammen!“

Der Schwarzhaarige schien in erster Linie skeptisch zu sein, doch dann freute er sich dennoch! Die Beiden würden auf ihn aufpassen und mit ihn spielen! Er hatte jemand zum Spielen! Schön!
Angelo nahm Kieran einfach mal mit in die Küche in der sein Bruder saß und hob den Jungen auf den freien Stuhl. „Was möchtest du denn Frühstücken?“
Der Fünfjährige sah sich um und seine Augen weiteten sich umso mehr, als er die Frage hörte. „Frühstück? A…aber das muss ich doch machen!“
„Willst du dir selbst was machen?“ Angelo hatte noch kein Kind in dem Alter erlebt, dass so reagierte. „Kommt gar nicht in Frage!“ Er packte erstmal Müsli in eine Schüssel und schüttete es mit Milch auf. „Hier, dann probieren wir heute das Mal zum Frühstück, ja?“ Er zwinkerte den Kleinen zu und setzte sich dann selbst an den Tisch.
Villano beobachtete das Verhalten seines Bruders nach wie vor skeptisch. Er hieß das Ganze einfach nicht gut.
Angelo hingegen summte. „Reichst du mir mal ein Brötchen, Billy?“, fragte er seinen Bruder und summte genauso vergnügt weiter. Er nahm sich ein Brötchen, bevor er nach der Zeitung griff, die neben seiner Kaffeetasse lag und sie aufschlug. Zugleich fiel sein Blick auf eine Schlagzeile: ‚Frau stirbt bei Hausbrand in Shorewood, Kind wird vermisst‘. Jetzt musste er gleich noch grinsen. „Du, Kieran!“; sprach er den Jungen an, der ihn gleich ansah.
„Ja?“
„Wollen wir ein Spiel spielen?“
„Oh ja gern!“ Der Schwarzhaarige strahlte.
„Du heißt doch Kieran O’Shannon nicht?“
„Ja?“
„Was hältst du davon, wenn wir dich solang du bei uns bist Kieran McCutcheon nennen?“ Angelo sah auf den Kleinen und zwinkerte ihn zu.
„Oh ja, das ist ein tolles Spiel! Kann ich etwas Besonderes?“
„Alles was du willst!“ Zufrieden sah der Italiener auf den Kleinen, der gleich begann nachzudenken, was er denn nun besonderes konnte, während Villano einfach nur seinen Kopf schüttelte.

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