Sonntag, 12. Mai 2013

Closer to the Edge – Kapitel 2


Joliet, Illinois – 18. Februar 1995 – 10:01 Uhr

Das Frühstück dauerte bei den dreien länger als gedacht. Angelo ließ sich sehr viel Zeit damit die noch so kleinste Information aus Kieran heraus zu locken, der aber nur gehalten und unsicher erzählte. Er war hin und her gerissen zwischen einer typisch kindlichen Art und einer starken Einschüchterung. Der junge Italiener fand diesen Jungen unglaublich interessant. Er hatte einfach das perfekte Potenzial! Dennoch durfte er es nicht an ihn ausüben. Gut, der Junge war eh zu jung, aber er würde älter werden und ihm persönlich wäre es lieber, wenn er bereits in die richtigen Bahnen bis zu diesem Zeitpunkt gelenkt geworden wäre. Aber es gab ja Villano der etwas dagegen hatte. Nun ja, kommt Zeit kommt Rat!

So hatte sich Angelo die Informationen erschlichen und sah zu, wie er sie am besten verarbeiten konnte. Er hatte erfahren, dass er es hier mit einem fünfjährigen Jungen zu tun hatte, der mit seiner Mutter allein lebte, noch nie einen Kindergarten oder Vorschule von innen gesehen und auch so nicht mir vielen Leuten zu tun hatte. Er kannte dafür aber den Briefträger, Tom, beim Namen, der ihn immer Kekse mitbrachte. An sich schien der Junge ein Kaffeekocher zu sein, was aber wohl eher an seiner Mutter lag, die es nicht einsah das selbst zu machen und verbrachte viel Zeit allein in seinem Zimmer. Ja, dieser Junge war in seinen Augen verdammt faszinierend.
Gut, dann würde ich sagen wir zwei ziehen dir etwas an, Kieran und dann nehmen wir dich einfach mal mit!“, sprach Angelo schließlich und lächelte den Jungen zu, der einfach nur unsicher zu nicken begann.
Villano war der ganzen Sache eher skeptisch gegenüber, so schickte er Kieran schon einmal vor in das Schlafzimmer, in dem er aufgewacht war und hielt seinen Bruder auf, der ihm folgen wollte: „Okay... Angelo, was hast du vor?“
Was soll ich denn vor haben?“
Du bist so interessiert an diesem Kind... du hast mir etwas versprochen! Ihm passiert nichts! Und ich verlange noch ein weiteres Versprechen von dir ab! Wir suchen für ihn jemand, wo er bleiben kann! Wir sind viel zu Jung um uns um einen Fünfjährigen zu kümmern. Noch dazu kommt, dass du ganz genau weißt, dass diese Umgebung hier nichts für Kinder ist!“
Oh, Billy, wir sind in dieser Umgebung auch aufgewachsen und es hat uns nicht geschadet!“
Der Jüngere der beiden Zwillinge, auch wenn es nur um ein paar Minuten war, stieß einen verächtlichen Laut aus und schüttelte den Kopf. „Wir bringen ihn hier weg!“
Er bleibt hier!“, war Angelos letztes Wort und er schubste seinen Bruder bei Seite. Er hatte keine Lust mehr zu diskutieren!
VERDAMMT, ANGELO!! WIR HABEN HIER NICHT EINMAL PLATZ FÜR IHN!“, brüllte nun Villano, doch Angelo ignorierte es einfach. Villano ging ihn gerade tierisch auf die Nerven! Er sollte sich hier einfach nicht einmischen! Genervt stieß er die Tür vom Schlafzimmer auf und lief auf den Jungen zu, der sich auf die Kante des Bettes gesetzt hatte und wartete.
Kieran sah sofort auf und bemerkte Angelos Körpersprache, weswegen er gleich weg von ihm rutschte.
Der Italiener bemerkte es nicht und wollte nach der Tasche, mit Kierans Sachen, neben den Jungen greifen, als er bemerkte wie stark dieser zusammenzuckte und gleich den Kopf wegdrehte. „Hey.. ruhig...“, flüsterte er unsicher und musterte den Jungen. Dieser hatte die Augen zusammengekniffen, die Finger so tief ins Laken gegraben, dass die Fingerknöchel weiß hervorstanden und hielt seinen Körper vom Zittern ab. Kieran schien oft geschlagen worden zu sein, wenn er so beobachtete, wie er reagierte. Für einen Moment überlegte er ob er weiter darauf eingehen sollte, doch der Junge schien sich nur noch mehr anzuspannen. „Also... was magst du anziehen?“, sprach er dann ablenkend und kippte die Tasche aus. „Ich habe mal ganz viel deiner Sachen mitgenommen und ich finde ja, dass wir dir komplett neue Sachen kaufen sollten, oder?“, zumindest stellte er das fest, als er die Kleidung so musterte. Hier und da waren Löcher zu sehen; die Sachen wirkten auch viel zu Klein, allein schon auf den ersten Blick und allgemein war das alles ziemlich verschlissen.
Der Fünfjährige war alles andere als sicher, wie er handeln sollte, doch er merkte, dass von Angelo keine Gefahr auszugehen schien und wand sich dann langsam ihn zu. „Ehm... egal...“
Der Italiener seufzte nur und suchte dann irgendwas heraus, bevor er ihn beim anziehen helfen wollte, aber feststellte, dass der Junge das alles wohl schon lang allein machte. Letztlich schob der Brünette ihn nach draußen und reichte ihn seine Schuhe. „Zieh die schon mal an!“, sprach er lächelnd zu ihn, bevor er sich noch einmal in die Küche begab und nur noch seinen Kaffee austrank.

Ignoriere mich nicht, Lino!“, brummte Villano seinen Bruder zu, der aufsah und seine Augen verengte, bevor er auf ihn zu schritt.
Ersten, Billy, nennst du mich nie wieder so! Zweitens, hältst du dich ab heute aus meinem Leben raus und drittens, wenn du dem Kleinen irgendeinen Scheiß versuchst einzutrichtern, dann werde ich nicht mehr so nett zu dir sein!“
Perplex stand Villano da, als er so von seinem Bruder einfach in der Küche stehen gelassen wurde. Das konnte doch nicht Angelos ernst sein? Hallo? Er war sein Fleisch und Blut und sie waren mehr als nur Geschwister! „Der hat doch den Verstand verloren!“

Angelo hatte Kieran mit nach unten genommen, was für den Kleinen das erste Mal, zumindest bewusst, Fahrstuhl fahren hieß. Erst wollte er gar nicht in das komische Ding hinein! Das war ihn viel zu gruslig und dann gingen die Türen noch selbst auf und ab. Unsicher stand er in dem Metallmonster und hatte furchtbare Angst. Das war alles total komisch und es fühlte sich so seltsam an. Da kam es ihn gerade recht, dass der Italiener ihn die Hand gereicht hatte, an die er sich im Moment sehr dankend klammerte. Er hatte mittlerweile ein Vertrauensverhältnis zu Angelo aufgebaut! Zwar kannte er ihn noch nicht lang, aber er war so lieb zu ihn, dass war alles so neu für den Jungen!
Als der Fahrstuhl sich mit einem 'Bing' öffnete war der junge Ire wohl der Glücklichste auf der Welt. Hastig lief er los, weswegen er Angelo beinah hinter sich her zog. Es war so schön wieder ordentlichen Boden unter den Füßen zu haben, der sich nicht so komisch bewegte.
Du kennst keine Fahrstühle, was?“
Kieran schüttelte nur heftig mit den Kopf und sah beim rausgehen immer wieder über die Schulter zurück auf das metallene Monster. Das war wirklich gruslig.
Den werden wir noch öfters benutzen, Kieran, du gewöhnst dich also dran!“, sprach er freundlich und den Kleinen rutschte das Herz in die Hose. Das konnte doch nicht sein! Doch Angelo drückte ihn nur aufmunternd die Hand und führte ihn zu einem Auto, dass direkt vor dem Haus parkte. Am Steuer saß der Kerl, den Kieran schon gestern gesehen hatte, als sie ihn heimfahren wollten und er wusste nicht wie er reagieren sollte.
Der Brünette öffnete die Tür und half dem Jungen ins Auto, bevor er selbst mit einstieg und sich neben ihn setzte.
Morgen, Angelo!“, sprach der Fahrer und drehte sich nach hinten, wobei er auf den Junge sah. „Hey, Kleiner!“
Kieran rutschte etwas zurück in den Sitz. Der Kerl war ihn einfach nicht geheuer und so starrte er ihn auch einfach nur an.
Na höflich is' er nich'!“, brummte er leise, bevor er sich mit einem: „Au!“, äußerte.
Er hat dich nicht zu interessieren! Fahr einfach!!“, sprach Angelo genervt, der Alfredo mit der flachen Hand auf den Hinterkopf geschlagen hatte. Das heute auch jeder seine Klappe aufreißen musste! Es nervte ihn schrecklich! Dann wand er sich lieber wieder dem Jungen zu! Der war vielleicht ängstlich, aber er laberte ihn nicht dumm von der Seite an. „Wir kaufen dir jetzt erst einmal etwas zum anziehen und dann wartest du im Auto auf mich, weil ich noch etwas erledigen muss, okay?“
Kieran sah ihn an und nickte dann, bevor er seinen Blick aus dem Fenster richtete. Er hatte das alles hier noch nicht gesehen und es war unglaublich neu für ihn!

Joliet, Illinois – 18. Februar 1995 – 16:48 Uhr

Kieran konnte einfach nicht glauben, dass Angelo so viel Zeit mit ihn verbracht und auch einiges an Sachen gekauft hatte. Das hatte noch nie jemand gemacht und der Fünfjährige strahlte wohl das erste Mal in seinem Leben aus vollster Seele heraus. Es war einfach ein toller Tag und es gab so viele Eindrücke, dass er nicht wusste wie lang er noch die Augen aufhalten konnte. Er gähnte herzhaft, als sie wieder im Wagen waren und kuschelte sich in den Sitz. Seine Augen beobachteten noch etwas das Treiben der Stadt, bevor sie immer kleiner wurden und ihn letztlich zu vielen. Der Junge war einfach nur fertig von dem tollen Tag und so schlief er ein.

Kurz darauf hielt das Auto und Alfredo drehte sich nach hinten zu Angelo, der mit beinah erstarrter Miene ins Leere zu starren schien. Sein Blick wanderte kurz zu dem Jungen, bevor er zu dem Fahrer sah und ihm kurz zu nickte. Dieser stieg aus dem Auto aus und schloss überaus leise die Tür, bevor er seinen Weg um das Auto suchte und Angelo die Autotür öffnete.
Er griff nach einer Sonnenbrille, die in der Innenseite des Wagens war und setzte sie auf, bevor er das Auto verließ. Ohne eine Blick auf den Jungen zurichten, ließ er die Tür schließen und begab sich, mit Alfredo hinter sich, zu einer Fabrik, vor der sie geparkt hatten. Er lief so auf das Gebäude zu, als würde es ihn gehören und die in schwarz gekleideten Männer, die hier und dort standen, sahen ihn nach. Als er vor der Tür war, wurde sie hastig geöffnet und er betrat den Raum.
Sein Blick wanderte durch den Raum, bevor er weiter einen Schritt vor den anderen setzte und dabei einen kargen Gang entlang ging. Hier und dort stand vor einer Tür ein Mann mit einer Waffe, doch Angelo schien das kein Stück zu interessieren. Am Ende des Ganges ließ er sich die Tür öffnen und schritt durch. Seine Mundwinkel zuckten für einen Moment zu einem kalten Grinsen auf, ehe er auf einen Mann zu ging, der neben einen Tisch stand.
Was machen die Geschäfte?“, fragte er den Mann, der sich grinsend umdrehte.
Angelo, mio nipote!!“, sprach er und begrüßte den Teenager. „Alles bestens!“, sprach der Mann, der dem Italiener sehr ähnlich sah. Die Beiden begannen sich über etwas zu unterhalten, was mit Unterlagen auf dem Tisch zu tun hatte und man sah Angelo immer wieder nicken. Er schien sich mit allem hier sehr gut auszukennen! Immer wieder hatte er irgendwelche Einwände und man sah den Mann, der letztlich nichts anderes als sein Onkel war, grinsen. „Du hast viel gelernt! Komm, ich zeig dir die Ware!“, sprach er und setzte sich in Bewegung.
Die Italiener liefen zurück in den Gang zur ersten Tür, vor der ein bewaffneter Mann stand. Der Onkel gab dem Mann einen Fingerzeig und er ging beiseite. Er öffnete an der Tür eine Klappe und sofort hörte man leise wimmernde Frauen und Männerstimmen. „Nur das Beste...“, wurde beton und Angelo warf selbst einen Blick hinein. Er nickte langsam und sah sich die Gefangenen an. Ja, doch. „Ich denke, damit hat man Erfolg!“
Du hast eindeutig meinen Blick geerbt, Angelo!“, sprach sein Onkel grinsend und ließ die Klappe wieder zufallen. „Ich sehe dich dann morgen!“
Ciao!“, war das Einzige, was Angelo noch dazu sagte und begab sich mit Alfredo wieder auf den Weg nach draußen.

Warum hast du Edoardo nichts von dem Jungen erzählt?“, fragte Alfredo nach, als das Auto direkt in seinem Blickfeld erschien.
Angelo neben ihn grinste nur und schob seine Sonnenbrille ein wenig herunter um darüber schauen zu können. „Die kleine Nervensäge ist mein persönliches Projekt! Da lass ich mir von niemand dazwischen funken! Nicht von Villano und schon gar nicht von Edoardo!“

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