Montag, 24. Juni 2013

Closer to the Edge - Kapitel 4

Michigansee, Illinois – 04. Juli 1998 – 23:55 Uhr

Sagen wir.. ich habe das Familiengeschäft übernommen!“
Villano hörte die Stimme seines Bruders in seinen eigenen Ohren widerhallen und es brauchte einen Moment, bis er realisierte, was er damit meinte. Das konnte nicht sein. „Angelo... sag mir nicht.. sag mir nicht...“ Doch Angelo war schon im Bad verschwunden und hatte ihn einfach stehen lassen. Villano musste sich irren. Sein Bruder war schon immer etwas anders gewesen und spielte gern mit den Feuer, doch er würde doch nicht so etwas wie einen Mord begehen! Und dann schon gar nicht am eigenen Onkel. So waren sie nicht erzogen wurden. Das war unmöglich!
Zugleich lief er zu dem Telefon im Haus und versuchte seinen Onkel zu erreichen, doch der Anruf ging einfach nicht durch. Hatte Angelo wirklich? Er konnte das nicht glauben.
Diese Nacht verbrachte Billy wach. Der Italiener war einfach nicht fähig ein Auge zu zu bekommen und die Ungewissheit nagte ihn, was mit seinem Onkel passiert war. Immer wieder versuchte er ihn anzurufen, doch jeder Anruf blieb ohne Antwort.

Michigansee, Illinois – 05. Juli 1998 – 08:42 Uhr

Die Sonne schien durch das Fenster hinein, wie es zuvor in der Nacht der Mond erst getan hatte und kitzelte Angelo an der Nase. Gähnend streckte er sich ausgelassen, kratzte den Bauch, bevor er sich dann auf die Seite drehte und die Augen öffnete. Man er hatte unglaublich gut geschlafen. Der Abend hatte sich gelohnt und verdammt die Feier danach war verdammt prickelnd gewesen. Er brauchte auch gar nichts viel tun, bevor die anderen sofort akzeptierten, dass er nun der Chef war. Herrlich!
Seine grünen Augen, die etwas an eine grüne Mamba erinnerten, blickten auf den Jungen, der neben im im Bett lag und seine Mundwinkel hoben sich leicht zu einem Grinsen an. Es hatte drei Jahre gedauert, bis er den ersten Schalter zu seinem Plan umlegen konnte! Okay, er wollte nicht so bescheiden sein! Natürlich hatte er schon viele kleine Schalter zuvor umgelegt um den Weg für den richtigen Großen zu Ebenen und jetzt war es soweit. Er war umgelegt und das Geschäft war Seins. Er war nun der neue Boss des Rotlichtviertels und verdammt er genoss es tierisch!
Langsam streckte er seine Hand nach Kieran aus, der noch schlief und strich ihn leicht über die Wange. Er hatte keine Ahnung welchen Platz er in diesem Plan einnahm und er war so vertrauensselig und naiv. Ein Kind eben.

Der Schwarzhaarige spürte eine Berührung und begann sich zu regen. Erst war es nur ein leichtes Zucken, bevor er sich dann richtig bewegte und schließlich die Augen aufschlug. Zugleich sah er die grünen Augen, die ihn, wie gewohnt, ins Visier genommen hatten, doch es schüchterte ihn nicht ein. „Morgen...“, flüsterte er leise und lächelte den Italiener an.
Morgen, Kleiner!“ Angelo hob die Hand und wuschelte Kieran durch die Haare worauf hin der Kleinere leise kicherte. Er mochte diese Berührung wirklich und dem war sich der Brünette mehr als bewusst.
Machen wir heut’ was zusammen?”, flüsterte er dem Älteren zu und musterte ihn aufmerksam. Es interessierte ihn wirklich. Er wollte unbedingt etwas mit ihm machen! Nur mit ihm! Ohne Villano. Nur er und Angelo. Das machen sie viel zu selten!
Angelo schien für einen Moment zu überlegen, bevor er den Kleinen mit irischer Abstammung anlächelte und ihn wieder durch die Haare wuschelte. “Und wie wir das machen! Wir lassen Billy einfach hier und verziehen uns am besten gleich.. los hob, zieh dich an!”
Zugleich sprang Kieran aus den Bett und rannte zu seiner Tasche in der er die Sachen für das Wochenende gelagert hatte. Fix schwang er sich in die Sachen und richtete so gut er konnte die verwuschelten Haare.
Der Milano beobachtete den Jüngeren vom Bett raus und schmunzelte. Er fand das wirklich amüsant. Wie er sich so ins Zeug legte um ihn zu gefallen. Ach das gefiel ihn wirklich. Angelo wollte sich selbst loben dafür, dass er den Jungen so gut erzogen hatte. Ach das gefiel ihn.

Chicago, Illinois – 05. Juli 1998 – 11:31 Uhr

Willst du ‘n Eis?”, fragte Angelo, der am Steuer von Alfredos Auto saß und rüber zu Kieran sah. Die Beiden fuhren selten nach Chicago rein, zwar sagte Angelo immer zu ihm, dass sie es machen würden, aber letztlich fuhren sie doch nicht. Umso toller war es für den Jungen nun, dass sie nun hier waren. Diese riesen Stadt faszinierte ihn immer wieder. Er drehte sich freudig zu Angelo und nickte schließlich. "Ja, unbedingt!" Kieran war einfach nur glücklich über die Situation.
Sie hielten in einem Parkhaus und Kieran folgte dem Italiener, der genau zu wissen schien wo er eigentlich hinwollte. Er schloss schnell zu ihn auf und griff nach seiner Hand, wobei Angelo innehielt und Kieran dadurch beinah auf die Nase fiel. “Wa..was denn?”, fragte er irritiert nach, als er sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte.
Bist du nicht zu alt dafür?”, fragte er distanziert nach, was dafür sorgte, dass Kieran die Hand wieder weg zog.
“Entschuldige...” Mit hängendem Kopf lief er neben Angelo schließlich her. Er hatte das für eine gute Idee gehalten, aber das war es wohl nicht gewesen. So entging ihm aber auch das selbstgefällige Grinsen, dass im Moment Angelos Lippen zierte.

Sie liefen zu einem Eiscafé und der Ältere zog  einen Stuhl zurück damit Kieran sich setzen konnte. „Die haben hier das beste Erdbeereis in ganz Chicago!“ Seine Stimme raunte in Kierans Ohr und der Schwarzhaarige bekam eine Gänsehaut. Manchmal verstand er Angelo nicht. Er war widersprüchlich in seinem Verhalten! Aber es freute den Iren auch, dass er an so was dachte! „Das freut mich!“ Er strahlte ihn glücklich an und lehnte sich zurück. Es würde total schön werden hier!

Chicago, Illinois – 05. Juli 1998 – 12:57 Uhr

Kieran hatte ein riesen Eis gegessen und sich fabelhaft mit Angelo unterhalten. Sie hatten gescherzt, gealbert und etwas über Villano hergezogen. Besonders das schien Angelo sehr viel Spaß gemacht haben! Er hatte kein Blatt vor den Mund genommen und wenn Kieran ehrlich war fühlte er sich nun schon etwas unbehaglich, wenn er so überlegte, was er so von Villano gehört hatte. Er würde jetzt etwas vorsichtiger an ihn heran gehen.
“Ich bin gleich wieder da!”, sprach Angelo und stand auf. Kieran nickte nur und beobachtete, wie er in den laden ging. Wahrscheinlich musste er mal, wer wusste das schon? Der Schwarzhaarige lehnte sich zurück und rieb sich den Bauch. Er fand Erdbeeren toll. Nicht nur, dass er sie immer bekam, wenn er etwas richtig gemacht hatte, auch vom Geschmack her waren sie einfach total toll! Und Angelo hatte nicht gelogen, als er gesagt hatte, dass das hier das beste Eis in ganz Chicago war!!
Er ließ seinen Blick umher schweifen und musterte die anderen Leute. Er kam höchstens wenn er mit zum Einkaufen ging unter Leute oder wenn Angelo etwas mit ihm unternahm, denn der Brünette mochte es nicht, wenn er großartig das Haus verließ, deswegen hatte er wohl auch einen Privatlehrer. Kieran verzog das Gesicht, wenn er an diesen Kerl dachte. Er mochte ihn wirklich nicht. Er hielt sich für den Klügsten. Ein Idiot!
Schnell schüttelte der Ire Schwarzhaarige den Kopf und sah sich weiter um. Sein Blick blieb am Nachbartisch kleben. Dort saß ein Junge, ungefähr so alt wie er, mit rotem Haar und zwei älteren Leuten. Er sah sehr glücklich aus mit ihnen und irgendwie machte Kieran das ziemlich traurig.Er hatte keine Familie, zumindest keine an die er sich erinnerte. Er erinnerte sich nur noch an Angelo und Villano. Ob er die Beiden als seine Familie bezeichnen konnte? Irgendwie ja schon, oder?

Angelo stand im Inneren des Ladens und hatte seinen Blick auf den Schwarzhaarigen geworden, der sich neugierig umsah. Gelegentlich war dessen Anwesenheit gar nicht so störend. Bisher hatte er sogar wirklich so was wie Spaß gehabt. Aber das tat jetzt nichts zu Sache! Er hatte einen Plan und den führte er durch. “In 10 Minuten geht’s los!”, raunte er dumpf ins Telefon, als man auf der anderen Seite abnahm und legte zugleich wieder auf. Grinsend sah er auf das Gerät, bevor er sich doch noch auf die Toiletten begab.

Kobold?”
Kieran wirbelte herum und starrte Angelo an, der ihn eben angesprochen hatte. “Du sollst mich doch nicht immer Kobold nennen.. so klein bin ich nun auch nicht...”, nuschelte er und ihn waren seine Gedanken gerade peinlich.
“Mal sehen!”; sprach er grinsend, schließlich und zog den Jungen leicht auf die Beine. Anschließend drückte er ihn den Autoschlüssel in die Hand. “Geh’ schon mal vor zum Auto. Du erinnerst dich doch an den Weg, oder? Ich muss noch was erledigen. Und dreh’ an keinen Knöpfen!”
Okay!” Kieran drückte Angelo und wank ihn, bevor er sich auf den Weg zum Auto machte. Er war voll glücklich drüber, dass der Italiener ihn so viel Vertrauen schenkte, dass er ihn den Schlüssel zum Auto gab! Das war total toll!
So machte sich der Ire auf den Weg zur Tiefgarage. Sorgfältig setzte er einen Fuß vor den Anderen und hielt den Schlüssel fest in der Hand. “Rennfahrer Kieran McCutcheon...” Den Namen hatte er mittlerweile voll und ganz verinnerlicht. “..heute am Start! Brrrrruum!”  Er hielt die Hände wie ein Lenkrad und machte damit leichte Drehbewegungen. “Wie immer nimmt er die Kurve mit viel Ele-Dings!” Er machte weiter Motorengeräusche und näherte sich dem Auto. Es war nicht mehr weit, als er plötzlich Stimmen hörte. Schlagartig blieb er stehen, war ruhig und lauschte. Er versuchte zugleich schneller zum Auto zukommen, als sich vor ihn drei Gestalten aufbauten.
Na wen haben wir denn da?”, sprach einer der beiden verächtlich lachend und musterte den Jungen, der versuchte Rückwärts zu gehen.
Du wirst doch nicht etwas abhauen, wollen?” Ein vierter Kerl war hinter Kieran erschienen und hatte die Arme um ihn geschlungen.
Erschrocken fing der Junge anzuschreien. So hatte Villano es ihm beigebracht! Sollte er mal angegriffen werden, dann sollte er schreien, damit Leute auf ihn aufmerksam wurden! Was Villano ihn aber nicht gesagt hatte war, dass man auf die Idee kommen würde ihn dem Mund zuzuhalten.
Der Kerl hinter Kieran grinste hörbar und drückte das Kind an sich heran. “Na, na... wer wird denn gleich so ein Theater machen...”
Einer der ersten Drei kam auf den Jungen zu und zum Schluss fühlte Kieran eigentlich nur noch Hände. Der Junge wurde verdammt nochmal panisch und biss dem Kerl, der ihn den Mund zu hielt, fest in die Hund.
Du scheiß Balg!”, fuhr er ihn sofort an und schlug den Jungen ins Gesicht, der schlagartig Sterne sah.
BIST DU BESCHEURT?”, fuhr ihn einer der übrigen Männer an. “Der Boss bringt uns alle um!”, sprach er zugleich und erstarrte im nächste Moment, als er Angelo sah, der hinter ihnen aufgetaucht war.
Der Milano wirkte verdammt wütend. Er ging ohne wirklich darüber nachzudenken auf den Kerl los, der Kieran mittlerweile losgelassen hatte und schlug auf ihn ein. “Du Made...”, knurrte er und rammte immer wieder sein Faust in den Kerl, der letztlich keuchend am Boden lag. Noch immer knurrend griff er nach seinen Autoschlüssel, der am Boden lag und ging vor Kieran in die Hocke - die anderen Männer hatten sich schon längst verzogen. “Alles noch dran?”, fragte er besorgt nach und strich den Jungen ganz sanft über die geschlagene Stelle.
Kieran schluchzte sofort auf und schlang seine Arme um Angelo. Er hatte so unglaublich Angst gehabt! “Lass mich nicht wieder allein...”, flüsterte er zugleich und drückte sich mehr an den Italiener heran.
Fest schloss Angelo ihn in seine Arme und sagte mit besorgter Stimme: “Ich lasse dich nie wieder allein... ich werde dich immer beschützen, das kann keiner so gut wie ich!”

Joliet, Illinois – 05. Juli 1998 – 14:09 Uhr

Angelo hatte Kieran auf den Arm,als er die Tür zu ihrer Wohnung öffnete. Der Junge hatte sich fest an ihn gekrallt und wollte nicht wieder loslassen.Er war einfach nur total geschockt von dem Erlebnis in der Tiefgarage. Deswegen zitterte er auch ziemlich.
Villano, der kurz vor ihnen nach Hause gekommen war zog eine Augenbraue hoch, als Angelo mit dem Jungen reinkam.”Was ist denn hier los?”, fragte er, doch Angelo wank nur ab und brauchte Kieran ins Schlafzimmer, wo er mit ihm zusammen schlief.
Er legte ihn auf das Bett und deckte den Jungen zu. Es dauerte mindestens eine halbe Stunde, als der Ältere der Zwillinge wieder das Zimmer verließ. Mit gesenkten Blick ging er auf seinen Bruder zu und als Villano ihn ansprach umarmte er ihn einfach. Mit leiser und zitternder Stimme sprach er schließlich: “Ich hab nicht richtig aufgepasst.... ich wollte noch ein paar Erdbeeren kaufen, weil er die doch so gern isst und hab ihn vorgeschickt zum Auto...” Angelo schnappte nach Luft und drückte seinen Bruder fester, der ihn einfach nur irritiert ansah.
Es brauchte einen Moment, bevor Angelo weitersprach. “Und... als ich dann in der Tiefgarage war, waren da diese Kerle.. die haben ihn angegriffen... Er hat sogar ein blaues Auge... Ihn hätte sonst noch was passieren können, ich habe nicht richtig aufgepasst!” Angelo versagte die Stimme zum Schluss und er drückte seinen Bruder einfach nur noch mehr.
Villano wusste nicht was er sagen sollte. Er hatte nicht gewusst, dass sein Bruder sich solche Sorgen um den Jungen machte. Eigentlich war er immer der Meinung gewesen, dass Angelo Kieran schon irgendwo mochte, aber ihn hauptsächlich als eine Art sprechendes Haustier ansah. Gut, das war nicht die beste Formulierung, aber so lag es ihm eben im Gefühl.
So drückte er einfach seinen Zwilling auch und begann ihn gut zuzureden. “Du hast ihn  doch geholfen.. das blaue Auge geht wieder weg.. lass ihn einfach nicht wieder allein.. dann ist alles okay.. mach dir keine Vorwürfe, Lino...” Villano drückte seinen Bruder und das war der innigste Moment, den er mit ihn seit Jahren hatte. Er hatte gar nicht mehr gedacht, dass so etwas noch vorkam. Aber Lino war eben doch sein Bruder und gar nicht so ein schlechter Kerl, wie er immer Tat!
Der Bruder-Moment wurde von einem Klingeln an der Tür gestört. Angelo löste sich von Villano und als er sich ab wand, wischte er sich über die Augen. Er bewegte sich zur Gegensprechanlage und sprach ein heißeres: “Ja?”
Boss? ich bin's Alfredo. Ich brauch mal deine Hilfe!”
Angelo seufzte laut auf und wand sich zu seinem Bruder. “Passt du auf den Kobold auf? Ich beeile mich?”
Geh nur... ich passe auf!” Villano lächelte Angelo einfach nur herzlich an und dieser nickte und verließ die Wohnung.
Villano hatte echt nicht für Möglich gehalten, dass in seinem Bruder so viel Gefühl steckte! Aber nun ging er erst mal zu Kieran, nicht dass er mehr hatte als ein blaues Auge.

Noch immer mit betrübten Blick lief Angelo auf das Auto zu und ließ sich von Alfredo die Tür aufmachen. Er stieg ein und sah auf die vier Männer, die ebenfalls darin saßen. Sein betrübter Blick wand sich zu einem Grinsen. “10000 war ausgemacht... ihr habt ihn beschädigt, dass heißt ihr könnt euch mit 5000 zufrieden schätzen!” Er zog seinen Geldbeutel und begann Scheine herauszuholen und den Jungs in die Hand zu drücken. “Damit sind die Geschäfte abgeschlossen! Raus!” Er sah zu, wie die anderen schnell aus dem Auto flüchtete und dann auf Alfredo, der sich langsam zu ihn umdrehte. “Alles klar, Boss?”, fragte er nach.
Angelo grinste ihn zufrieden an. “Oh ja! Weißt du, ich liebe es, wenn Pläne funktionieren!!”

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