Joliet,
Illinois - 05. Juli 1998 - 14:53 Uhr
Villano
saß neben dem Bett seines Bruders und beobachtete den Jungen, der
darin schlief. Sein Blick war auf dessen blaues Auge gerichtet.
Kieran hatte wirklich Glück gehabt, dass Angelo gekommen war. Er
wollte auch gar nicht ausmalen, was dem kleinen Kobold sonst noch
hätte passieren können! Ein Seufzen verließ seine Kehle und er
lehnte sich auf dem bei gestellten Stuhl zurück. Seine Beine strecke
er aus, legte den Kopf in den Nacken.
Angelos
Reaktion hatte ihn vollkommen überrascht. Villano hatte nicht
erwartet ihn jemals wieder so fertig zu erleben und wenn er ehrlich
war, es rührte ihn. Lino war eben doch noch der, der er einmal war!
Jemand mit viel Herz. Der Brünette hatte diese Seite seines Bruders
ziemlich vermisst, umso froher war er, dass er sie noch hatte. „Vor
allem bin ich froh, dass er dich nicht nur als besseres Haustier
sieht...“, flüsterte er und brachte sich wieder in eine aufrechte
Position. Sein Blick legte sich erneut auf den Achtjährigen. Er
musste sich wirklich eingestehen, dass er Angelo die letzten Jahre
falsch eingeschätzt hatte. Auch wenn es vielleicht hart klang war er
deswegen auch froh, dass das heute passiert war! Sonst wäre ihn
verborgen geblieben, dass sein Bruder doch noch so war.
Kieran
fing an sich zu bewegen und Villano rutschte samt Stuhl näher.
„Kobold... Hey!“
Der
Kleine schlug seine Augen auf, als er die Stimme hörte. Unruhig
bewegten seine Augen sich hin und her, bevor er sich schlagartig
aufsetzte und die Beine fest gegen seinen Körper schlang.
„Hey...
Alles okay!“ Villano streckte seine Hand nach dem Jüngeren aus,
doch der schlug nur danach und fing an zu schreien. Der Milano
schreckte zurück und sah geschockt auf den Schwarzhaarigen. „K?
Kieran?“
Der
Jüngere machte sich nur noch kleiner, als er ihn wieder ansprach und
jeden Versuch ihn zu berühren schlug er aus und schien richtig
hysterisch zu werden.
Villano
kam auf die Situation nicht wirklich klar und tat das Einzige, was
ihn einfiel: Er rief Angelo an.
Joliet,
Illinois - 05. Juni 1998 - 15:31 Uhr
„Ich
finde es bemerkenswert, dass du das so durchgezogen hast, Boss!“,
sprach Alfredo anerkennend und sah in den Rückspiegel. Er
beobachtete den Jüngeren, der in sich hinein grinsend auf dem
Rücksitz saß. Alfredo kannte die Milano-Zwillinge schon seitdem sie
klein waren und Angelo war schon immer ein guter Schauspieler
gewesen, aber er schien es nicht nur perfektioniert zu haben, sondern
es perfekt ausspielen zu können.
„Das
liegt nur daran, dass nicht einmal du meine Pläne kennst!“
Selbstgefällig sah er direkt in die Spiegelung seines Fahrers. Er
ließ sich ungern in die Karten gucken, vor allem nicht, wenn es um
Kieran ging.
Noch
bevor Angelo wieder das Wort erheben konnte, klingelte das
Autotelefon und er griff nach dem Hörer. „Milano?“ Sofort zuckte
er zusammen, als er den unerwarteten Schrei hörte, der aus der
Hörermuschel dröhnte.
„Er
hört nicht auf zu schreien!“
Angelo
erkannte für panische Stimme seines Bruders und hob den Blick,
wieder zu Alfredo: „Fahr mich Heim! SOFORT!“, sagte er bestimmend
und beobachtete, wie der Ältere sofort den Wagen drehte. „Ich bin
gleich da!“ Er drückte den Hörer fest zurück in die Halterung.
Unruhig rutschte er auf dem Sitz hin und her. Das passte ihn nicht!
Das passte ihn gar nicht! Seine Finger krallten sich in die
Anzugshose, die er trug und sorgten dafür, dass diese Falten schlug.
„Was
denn los, Angelo?“, fragte der Mann auf dem Fahrersitz und drehte
sich leicht nach hinten um, um den Brünetten anzusehen.
„Geht
dich nichts an! Gib lieber Gas!“ Die Stimme des Milanos war ein
einziges Knurren.
Alfredo
sah sofort wieder nach vorne auf die Straße, beschleunigte und
schaltete höher, immerhin war es ein Auto mit Schaltung. Auch, wenn
die meisten im Land eher mit Automatik fuhren, war ihn das einfach...
Europäischer! Es war wie ein bisschen Heimat beim Fahren, immerhin
war auch er Italiener. Dennoch wunderte es ihn, dass der andere so
nervös schien. Das passte so gar nicht in dessen abgeklärtes Bild,
was er immer von sich gab. Aber welches Recht hatte er es schon zu
urteilen? Er wusste ja eh nicht mal von allen seinen Plänen.
Das
schwarze Auto kam durch seine Bremsen recht abrupt vor dem Hochhaus,
in dem die Milanos wohnten, zum stehen. Der Ältere der beiden
Zwillinge sprang förmlich von dem Rücksitz aus dem Auto, ließ
sogar die Tür offen stehen und lief schnellen Schrittes nach drinnen
zum Pförtner des Hauses. Er nickte ihn nur kurz zu und drückte
immer wieder auf den Knopf zum Fahrstuhl. Dieses scheiß Ding, warum
brauchte es so lang?
Die
Türen waren nicht einmal halb geöffnet, als er schon zwischen den
metallenen Türen hindurch sprang und sofort auf die Sieben des
Tastenfeldes hämmerte, weil man dies nicht mehr als drücken
bezeichnen konnte. Richtig ungeduldig wartete er darauf, dass sich
die Türen schlossen, was man vor allem daran gut sah, dass er selbst
in dem Fahrstuhl noch auf und ab tigerte.
Irritiert
sah Alfredo seinem jungen Boss nach. Irgendwas schien an diesem Anruf
gewesen zu sein, was ihn unglaublich Sorgen machte, aber was, das
konnte er nicht sagen. Seufzend stand der Italiener aus, schloss die
Tür des Wagens und setzte sich zurück hinter das Steuer. Am besten
wartete erst einmal hier, vielleicht kam Angelo ja wieder heraus.
Vielleicht auch nicht.
Joliet,
Illinois - 05. Juni 1998 - 16:27 Uhr
Hektisch
riss Angelo die Tür zu seinem eigenen Schlafzimmer auf. Als er die
Wohnung betrat, begrüßten ihn bereits die panischen Schreie des
Kindes und er konnte wirklich nicht sagen, was das zu bedeuten hatte!
„Was ist los?“ Er schrie Villano beinah an, als er im Raum stand,
doch sein Zwillingsbruder sah ihn einfach nur hilflos an. Er wusste
es nicht! Kieran schrie nur, schlug nach ihm und antwortete nicht.
„Kobold!
Hey, Kieran! Hey!“, begann jetzt Angelo und näherte sich dem Bett.
„Hey...“ Er versuchte die Aufmerksamkeit des Jungen zu gewinnen,
der zugleich den Kopf hob und sich mehr oder weniger an den Hals des
Älteren Milanos warf. Er fing schlagartig an zu weinen.
Sehr
überfordert sah er auf seinen Bruder, der hingegen sehr verwirrt
schien. Was war denn jetzt los? Warum war dieser Junge ihn gegenüber
so feindselig und Angelo gegenüber so offen?
Zögerlich
legte Angelo seine Arme um das weinende Kind und seine Stirn war ein
einziges Gebirge, so sehr hatte er sie in Falten gelegt. Ganz
vorsichtig, als wäre Kieran eine Bombe, die jeden Moment explodieren
könnte und das Weinen wäre nur der Zünder, den man gestartet
hatte.
Für
Angelo überraschend, beruhigte sich der Junge in seinen Armen Stück
für Stück. Er verstand die ganze Situation nicht. Hatte er den
Jungen etwa irgendwie kaputt gemacht, als er die paar Irren auf ihn
gehetzt hatte? Sie sollten ihn ja auch nur Angst machen und nicht
schlagen. Das war nicht geplant gewesen, das stimmte schon, aber
dennoch. Hatte er ihn damit kaputt gemacht?
„Wow...
der Kobold scheint dir unglaublich zu vertrauen... mehr als mir auf
jeden Fall...“, flüsterte Villano dann nach einer Weile.
Angelo
sah auf und wand seinen Blick zu seinem Bruder. Er musste jetzt aber
aufpassen nicht zu grinsen. Kieran vertraute ihn also, das waren doch
mal sehr, sehr, sehr gute Neuigkeiten. So sehr sogar, dass er sich
nur bei ihm beruhigte? Oh Angelo fühlte sich gerade wie als wäre
Weihnachten und sein Geburtstag an einem Tag. Oh diese Neuigkeiten
gaben ihn das Gefühl, als müsste er jetzt erst einmal Feiern gehen!
Aber zeigen tat er davon nichts, er nickte nur zögerlich. „Meinst
du? Hauptsache der Kleine beruhigt sich!“ Er zog Kieran mehr an
sich und beobachtete den Jungen.
Der
Schwarzhaarige drückte seinen Kopf an die Brust des Italieners und
lauschte dessen Herzschlag. Zu dem mochte er den Geruch, der von
Angelo ausging. Er roch nach einer Mischung von Aftershave und einem
Shampoo mit Lavendelextrakt. Es war so beruhigend für ihn im Moment,
dass er schließlich sogar einschlief.
„Ich
mache mal was zu Essen... und einen Tee für ihn... nicht, dass er
nach dem ganzen Schreien noch heißer wird...“ Villano, der
beruhigt war darüber, dass der Junge nicht mehr schrie, verließ das
Zimmer. Vor ein paar Stunden hätte er es noch sehr bedenklich
gefunden, dass Kieran sich nur von Angelo beruhigen ließ oder besser
gesagt ihn so stark zu vertrauen schien, doch nachdem er gesehen
hatte wie viel Sorgen sich Angelo um das Kind machte, besorgte ihn
das nicht mehr. Angelo würde dem Jungen nichts gefährliches antun,
soviel war für ihn nun sicher. Und immerhin, fühlte es sich
mittlerweile so an, als gehörte Kieran zur Familie, als wäre er ihr
kleiner Bruder!
Zufrieden
grinsend sah Angelo auf den schlafenden Jungen in seinen Armen. „Du
hast keine Ahnung, was für ein Geschenk du mir damit machst....“,
raunte er ihn leise entgegen und hatte nun das Grinsen auf den
Lippen, das er vor seinem Bruder verstecken wollte. Seine grünen
Augen funkelten voller Freude förmlich. Angelo konnte nicht glauben
wie gut seine Pläne funktionierten! Zumal es Kieran ihn jetzt nur
noch leichter machte einen Keil zwischen ihm und Villano zu treiben
und letztlich den Kleinen dazu zubringen, dass er ihn Blind
vertraute, noch mehr als er es nun schon tat! Sie waren auf einen
sehr, sehr guten Weg!!
Joliet,
Illinois - 13. Januar 2002 - 09:41 Uhr
Nervös
setzte Kieran einen Fuß vor den anderen. Er stand im Parkhaus des
Hochhauses in dem er mit den Zwillingen wohnte und wartete auf
Angelo, der etwas oben vergessen hatte. Es behagte ihn überhaupt
nicht! Sei dem Vorfall von vor zirka drei Jahren mochte er keine
uneinsichtigen Orte. Immer erwartete er, dass jemand auftauchte.
Allgemein ging er lieber in Begleitung nach draußen, als allein.
Aber er sollte ja hier nur warten, also was sollte schon groß
passieren?
„Sie
an, sie an... der kleine Kobold!“
Die
Stimme jagte Kieran wie immer einen Schauer über den Rücken. Er
drehte sich leicht und warf einen Blick auf den Mann hinter ihm. Sehr
hellbraunes kurzes Haar, dass bis auf eine Strähne nach hinten
gegelt wurden war. Eine schmale Brille mit schmucklosem Gestell, die
den blauen Augen zu mehr Sehkunst verhalf. Dazu ein dummes Grinsen
auf den viel zu schmalen Lippen und eine Narbe am Kinn. Alfredo, wer
auch sonst. Kieran mochte ihn nicht. Er war ihn viel zu aufdringlich.
Er hatte die letzten Jahre öfters auf ihn aufgepasst und war
allgemein immer dafür zuständig gewesen den Schwarzhaarigen
irgendwo hinzufahren, da Angelo ihn nicht mehr als Fahrer benötigte.
Der Junge fühlte sich bei ihm immer unwohl. Er wusste nicht was es
war, aber Alfredo war ihn von Anfang an suspekt gewesen. „Ich heiße
Kieran!“, platzte es patzig aus dem Jungen heraus und er wand den
Älteren den Rücken zu. Doch irgendwie fühlte es sich falsch an,
denn er spürte noch immer dessen bohrenden Blick.
„Du
siehst immer noch aus wie ein kleines Kind, Kieran!“
Man konnte hören, dass er beim sprechen grinste und extra den Namen
betonte um den Kleinen zu provozieren und es klappte fantastisch!
Kieran
wirbelte herum und kniff die Augen wütend zusammen, während er
seine Lippen fest aufeinander presste. „Ich sehe nicht aus wie ein
kleines Kind!!“ Er hasste es, wenn ihn jemand auf seine kindlichen
Züge ansprach. Es stimmte schon, dass er für einen fast
Zwölfjährigen wirklich klein war und auch sehr kindliche Züge
hatte, doch Angelo sagte immer, wenn er erst einmal in die Pubertät
kam, dann würde sich das alles von allein regeln!
„Provoziere
K nicht immer!“, ertönte die genervte Stimme von Angelo hinter dem
Jungen, der sich zugleich umdrehte und über das ganze Gesicht
strahlte. Er lief ein paar Schritte auf den Milano zu und lächelte
ihn an. Kieran mochte Angelo wirklich sehr, sehr
gern.
Er war immer so lieb zu ihn und ließ ihn immer noch in seinem Bett
schlafen, wenn Kieran schlecht träumte, was sehr oft vorkam. Und vor
allen Dingen beschützte er ihn vor dem Bösen.
„Perdonami,
Angelo.“ Doch wenn man das Grinsen auf seinen Lippen sah, dann
wusste er, dass er es gar nicht so meinte mit der Bitte um
Verzeihung. So überhaupt nicht. Denn er hatte gelernt, wenn der
Kleine nicht hinsah war es egal wie man schaute. Die Hauptsache war,
dass die Worte überzeugend klangen! Genauso, wie Angelo es auch
machte.
„Entschuldige
dich lieber, bei dem Kobold!“ Er legte seine Hand auf Kierans Kopf
und wuschelte ihn durch das schwarze Haare, worauf hin dieser ein
Glucksen von sich gab. Er mochte diese Berührung von Angelo wirklich
sehr. „Oder, K?“
Kieran
sah auf und nickte eifrig, schnappte sich den Unterarm von Angelo und
schmiegte sich daran, während er sich wieder Alfredo zu wand und
begann ihm giftige Blicke zuzuwerfen, worauf Angelo ihn sanft in die
Seite kniff. „Kieran, sei lieb!“
„Ach
manno...“ Demonstrativ schon er die Unterlippe nach vorn und wand
seinen Blick von dem schmierigen Kerl ab. Er mochte ihn nicht und
Punkt.
Der
Milano rollte genervt die Augen zu bewegte seine Hand in Richtung
Auto, damit Kieran sich in Bewegung setzte. „Einsteigen, wir fahren
gleich los! Ich reden noch kurz mit Alfredo! Und drehe an keinen
Knöpfen herum, das Auto ist neu!“
„Okay!“
Kieran kletterte in das Auto und setzte sich brav hinein. Er saß auf
dem Sitz und sah sich drin um. Es war das erste Mal, dass er mit dem
Auto mitfahren konnte! Angelo hatte es vor ein paar Tagen gekauft,
aber bisher war noch nie die Zeit gewesen.
Angelo
beobachtete den Jungen und zog den Kragen seines Mantels etwas höher.
Es war Januar und schweinekalt. Dafür hasste er diese Stadt. Im
Winter froh man sich einfach alles ab, was der Körper hervor
brachte.
„Er
wird langsam aufmüpfig!“, beschwerte sich Alfredo und warf einen
Blick zu dem Jungen im Auto.
„Du
provozierst ihn ja auch immer... und ich hab ihn gesagt er kann sich
ruhig zur Wehrsetzen, wenn du ihn dumm anmachst!“
„Aber,
Boss...“
„Was...
noch stehst du unter ihm. Also lass es dir gefallen!“
„Wann
ist es denn so weit?“
Angelo
fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die kalte Nase, bevor er
grinste. „Bald... nach dem Geburtstag des Jungen verzieht sich
Villano endlich... ich hab es in seinen Briefen gelesen... er hat
zwar noch nichts gesagt... aber ich bin ihn bald los...“
„Und
was machst du dann mit den Jungen?“
„Das
erfährst du, wenn es so weit ist!“ Er öffnete sich ein paar
Knöpfe seines warmen Mantels und zog einen Umschlag aus der Hand.
„Die Neuen kommen heute um 12 Uhr beim Hafen an. Begutachte sie.
300 für Brauchbare und für alles was nicht brauchbar ist, gibst du
kein Geld aus... sortiere sorgfältig aus!“
„Geht
klar, Boss!“ Alfredo verabschiedete sich von Angelo, ging an dessen
neuen Auto vorbei. Seine Finger trommelten gegen das Fenster der
Beifahrertür, als er daran vorbei ging und grinste den Jungen zu,
der sofort wieder zu funkeln anfing. Erst, als die Autotür auf der
anderen Seite lautstark geschlossen wurde, zuckte Kieran zusammen und
wand seine Aufmerksamkeit wieder Angelo zu, der ihn eindringlich
ansah. Kieran atmete lautstark aus, bevor er schuldbewusst auf seine
Hände sah, die auf seinem Schoß lagen. „Ich weiß.... lass dich
nicht von Alfredo provozieren...“
„Warum
lässt du dich dann immer provozieren?“
„Er
hat gesagt, ich sehe aus wie ein Kind!!“
„Kobold,
du wirst 12... du bist noch ein Kind!“
„Aber
das muss mir der nicht sagen....“ Er schob seine Unterlippe wieder
nach vorn und hörte dann einen genervten Laut, von der Fahrerseite.
„Kieran...“
„Ja...
okay... ich hab etwas über reagiert... aber ich mag ihn nicht
sonderlich...“
Angelo
brach dort die Unterhaltung ab! Er hatte das alles schon viel zu oft
durch diskutieren müssen, dass er nicht schon wieder Bock darauf
hatte, sich den Mist anzuhören. Kieran mochte Alfredo nicht und
seine rechte Hand nutzte das vorzüglich aus! Es ging ihn so gegen
den Strich. Er war einfach nur froh, wenn dieses gezicke bald vorbei
war! Aber für den Moment musste er sich das noch eine Weile antun!
Immerhin war er sich in seinen Plan noch nicht ganz sicher! Aber auf
den allerbesten Weg dorthin.
Joliet,
Illinois - 13. Januar 2002 - 10:07 Uhr
„Wo
fahren wir eigentlich hin?“, fragte Kieran nach einer Weile und sah
rüber zu Angelo, der unruhig mit den Fingern über das Lenkrad
trommelte. Er mochte keine roten Ampeln! Sie hinderten ihn am fahren
und brachten ihn immer wieder dazu stehen zu bleiben!
„Wir
kaufen so etwas ein, das heißt Lebensmittel!“
„Du
machst mich dumm?“
„Ein
kleines bisschen!“, Angelo grinste ihn an und lachte dann auf.
„Nein, ich zeig dir einfach nur was!“ Er nickte und fuhr mit ihn
weiter durch die Stadt.
Kieran
beobachtete die Menschen auf den Straßen. Er hatte nicht viel
Kontakt zu ihnen und er wollte ihn auch nicht wirklich haben. Er
erwartete hinter jeder Ecke irgendwie das Böse und es wurde eher
schlechter als besser. Villano bestand zwar immer darauf, dass er mit
ihn rausging, aber Kieran weigerte sich meist strickt dagegen. Er und
Villano hatten so oder so nie das beste Verhältnis gehabt und seit
einiger Zeit war es irgendwie noch schlechter geworden. Der
Schwarzhaarige warf einen Seitenblick zu Angelo, begann leicht zu
lächeln und sah dann wieder nach draußen zum Fenster, wo ihn dann
schlagartig seine eigene Spieglung peinlich war. Eigentlich war es
ihn aber auch total egal, dass er und Villano sich irgendwie
voneinander entfernten! Hauptsache er konnte Zeit mit Angelo
verbringen und dieser entfernte sich nicht von ihm!
Joliet,
Illinois - 13. Januar 2002 - 11:13 Uhr
„Kieran,
wach auf!“ Der Schwarzhaarige öffnete schwerfällig seine Augen
und sah sich gähnend um. „Hnn?“
„Schau
mal raus!“
Gähnend
streckte sich der Jüngere und bewegte seinen Kopf leicht hin und
her, damit dieser nicht noch mehr weh tat. Er hatte in einer dummen
Position geschlafen und das rächte sich nun schrecklich bei ihm!
Kieran richtete seinen Oberkörper mehr auf und sah dann raus zum
Fenster. „Das Ferienhaus?“, er war verwirrt und öffnete schnell
die Tür. Zugleich drückte sich kalte Luft in sein Gesicht und
brachten ihn sofort zum frösteln. Der Junge knöpfte schnell seine
Winterjacke zu und sah sich um. „Hier waren wir ja schon ewig nicht
mehr!“ Er konnte von dem Ferienhaus aus den See sehen, der jetzt
mit einer Schicht aus Schnee und Eis bedeckt war.
„Ich
dachte, dass es dir gefallen würde!“ Angelo grinste ihn
selbstsicher an, ging an den Kofferraum und öffnete ihn. Er beugte
sich hinein und kurz darauf hörte man, wie die Klappe ins Schloss
fiel. „Und ich dachte, dass wir vielleicht etwas Schlittschuhe
fahren... und... ich dich einseifen werde, bis du weiße Haare hast!“
Der
Junge lief mit großen Schritten, wobei er immer wieder tief im
Schnee versank, auf Angelo zu und drückte ihn zugleich. „Du bist
der aller Beste!“ Kieran strahlte ihn einfach nur an! Angelo war
einfach der aller Beste und er hatte ihn so gern! Und es fiel ihn
auch schwer ihn nicht gern zu haben, so ein toller Mensch war er zu
ihn! Kieran musste eins sagen, er hätte es nicht besser treffen
können als mit diesem Mann!
Michigansee
Illinois - 13. Januar 2002 – 14:01 Uhr
Keuchend
und lachend zugleich ließ sich der Schwarzhaarige in den Schnee
fallen und schützte sein Gesicht mit den Handschuhen. Nachdem Angelo
und er Schlittschuhe gelaufen waren – und Kieran festgestellt
hatte, dass er das um einiges besser beherrschte als der Milano –
hatten sie ich eine wilde Schneeballschlacht geliefert! Die so
aussah, dass Kieran durch und durch von Schnee bedeckt war! Er konnte
einfach kein Stück zielen und hatte so immer einen riesen Bogen an
Angelo vorbei geworfen, während dieser ihn sicher immer wieder einen
Schneeball nach den anderen entgegen geworfen hatte.
Lachend
ging der Milano auf den Jungen zu, der sich so versuchte zu schützen.
Langsam ging er runter in die Knie und grinste fies. „Gibst du
auf?“
„Ja..ja..
bitte.. nicht mehr!“ Kieran konnte vor lachen kaum richtig
sprechen! Ihn gefiel das sehr! Diese Ausgelassenheit und dieses
einfach Kind sein, war wirklich sehr schön!
„Gut...
dann komm hoch!“ Angelo hielt ihn eine behandschuhte Hand hin und
nur langsam richtet sich Kieran auf, griff danach und quietschte im
nächsten Moment unglaublich laut auf. Angelo hatte es ausgenutzt,
dass er sich nur auf seine Hand konzentriert hatte und ihn darauf hin
erst einmal voll einen Schneeball ins Gesicht gedrückt.
„Gewonnen!“
Er grinste ihn an.
Kieran
war für einen Moment so perplex, dass er gar nicht richtig schalten
konnte. Dementsprechend handelte er auch ganz automatisch, als er
sich mit seinem Fliegengewicht gegen den Italiener hatte. Zum Glück
hatte er den Überraschungsmoment auf seiner Seite und beförderte
den Zwilling erst einmal voll in den Schnee! Schnaufend lag er auf
ihn und begann ihn, sobald er sich seiner überlegenen Position
bewusst geworden war, Schnee ins Gesicht zu schmieren! Doch Kierans
Triumph war nicht von langer Dauer. Zu schnell hatte Angelo seine
Hände umgriffen und hielt ihn davon ab, weiter mit Schnee um sich zu
werfen. „Der war gut!“
Kieran,
der erst noch dachte, es gäbe jetzt vielleicht Ärger, lächelte
sofort, als Angelo es auch tat und war einfach nur guter Dinge.
Angelo
richtete sich ohne Probleme unter den Jungem auf, drängte ihn damit
mehr oder weniger auf seinen Schoß. „Wir sollten heimfahren... du
bist aus irgendeinen unerfindlichen Grund voller Schnee und wir
wollen ja nicht, dass du krank wirst!“ Der Italiener beugte sich
nach vorn und gab Kieran einen Kuss auf die Wange.
Sofort
sprang der Junge auf und lief zu ihren Schlittschuhen und rannte
förmlich zum Auto. Angelo hatte ihn eine Kuss gegeben! Er konnte gar
nicht verstehen, wie das denn passiert war! Das war so toll! In
Kierans Bauch fühlte es sich an, als würde sich alles
zusammenziehen, aber es fühlte sich total gut an! Ob es das war, was
die Leute 'Schmetterlinge im Bauch' nannten?
Joliet, Illinois – 20. Februar 2002 – 11:28 Uhr
„So...
und dann musst du... Kieran, hörst du mir überhaupt zu?“
Der
Schwarzhaarige sah auf und musterte Villano, der neben ihn stand und
ihn gerade versuchte das kochen beizubringen. Aber darauf hatte der
Junge so überhaupt keine Lust. „Eh.. klar.. Klein schneiden und
dann sal-pfeff- irgendein Gewürz!“ Er rieb sich unsicher den
Hinterkopf und hörte als Antwort nur ein genervtes Ausatmen. „Geh
in dein Zimmer... das hat keinen Sinn!“
„Okay!“
Kieran drehte sich sofort um und verschwand in seinem Zimmer. Gut,
eigentlich war es mal das Arbeitszimmer gewesen, doch es hatte eine
Schlafcouch und Kieran nutzte es schon seit Jahren als sein Zimmer,
auch wenn er echt oft in Angelos Bett schlief. Aber er konnte auch
nichts dafür! Er träumte so unglaublich schlecht! Immer wieder
träumte er von einer Hexe mit zerzausten Haar und schriller Stimme,
die ihn jagte und seinen Namen rief. Er wusste nicht warum, aber seit
dem er sich erinnern konnte träumte er diesen Traum und er machte
ihn so unglaublich Angst!
Seufzend
ließ Villano das Messer auf die Arbeitsfläche nieder und fuhr sich
mit einer Hand durch die Haare. „Wie sag ich ihnen das bloß...?“
Joliet,
Illinois – 20. Februar 2002 – 12:04Uhr
Der
Schlüsselbund klimperte auf, als Angelo den Wohnungsschlüssel ins
Schloss steckte und aufschloss. Er war kaum in der Wohnung, da kam
Kieran auch schon aus seinem Zimmer gestürmt und umarmte dessen
Hüfte. „Hii!“ Der Junge grinste über beide Ohren und wartete
nur darauf, dass der Milano ihn am Kopf tätschelte.
Angelo sah zufrieden aus. „Na, hast du gewartete, Kobold?“ Er wusste, dass Kieran mit „Nein.“ antworten würde und er wusste auch, dass es unglaublich gelogen war! Sein kleines Hündchen wartete immer auf ihn! Deswegen war er auch immer sofort zur Stelle, wenn er aufschloss. Kieran wartete darauf einfach!
Angelo sah zufrieden aus. „Na, hast du gewartete, Kobold?“ Er wusste, dass Kieran mit „Nein.“ antworten würde und er wusste auch, dass es unglaublich gelogen war! Sein kleines Hündchen wartete immer auf ihn! Deswegen war er auch immer sofort zur Stelle, wenn er aufschloss. Kieran wartete darauf einfach!
„Komm,
gehen wir essen!“ Er war nur deswegen hier! Sein Bruder hatte ihn
gebeten gegen Mittag zu Hause zu sein, weil er kochte und irgendwas
verkünden wollte! Und das ließ sich Angelo doch nicht entgehen!
Sie gingen zu Tisch und Kieran half Villano noch mit decken, ehe er sich selbst setzte. Dann, als Letzter, setzte sich Villano an den Tisch. Er wartete nicht ab, bis die anderen sich etwas nahmen. Es musste jetzt raus, bevor er den Mut verlor: „Ich ziehe nächsten Monat nach Italien!“
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