Montag, 23. Dezember 2013

Closer to the Edge - Kapitel 5

Joliet, Illinois - 05. Juli 1998 - 14:53 Uhr



Villano saß neben dem Bett seines Bruders und beobachtete den Jungen, der darin schlief. Sein Blick war auf dessen blaues Auge gerichtet. Kieran hatte wirklich Glück gehabt, dass Angelo gekommen war. Er wollte auch gar nicht ausmalen, was dem kleinen Kobold sonst noch hätte passieren können! Ein Seufzen verließ seine Kehle und er lehnte sich auf dem bei gestellten Stuhl zurück. Seine Beine strecke er aus, legte den Kopf in den Nacken.

Angelos Reaktion hatte ihn vollkommen überrascht. Villano hatte nicht erwartet ihn jemals wieder so fertig zu erleben und wenn er ehrlich war, es rührte ihn. Lino war eben doch noch der, der er einmal war! Jemand mit viel Herz. Der Brünette hatte diese Seite seines Bruders ziemlich vermisst, umso froher war er, dass er sie noch hatte. „Vor allem bin ich froh, dass er dich nicht nur als besseres Haustier sieht...“, flüsterte er und brachte sich wieder in eine aufrechte Position. Sein Blick legte sich erneut auf den Achtjährigen. Er musste sich wirklich eingestehen, dass er Angelo die letzten Jahre falsch eingeschätzt hatte. Auch wenn es vielleicht hart klang war er deswegen auch froh, dass das heute passiert war! Sonst wäre ihn verborgen geblieben, dass sein Bruder doch noch so war.



Kieran fing an sich zu bewegen und Villano rutschte samt Stuhl näher. „Kobold... Hey!“
Der Kleine schlug seine Augen auf, als er die Stimme hörte. Unruhig bewegten seine Augen sich hin und her, bevor er sich schlagartig aufsetzte und die Beine fest gegen seinen Körper schlang.
Hey... Alles okay!“ Villano streckte seine Hand nach dem Jüngeren aus, doch der schlug nur danach und fing an zu schreien. Der Milano schreckte zurück und sah geschockt auf den Schwarzhaarigen. „K? Kieran?“
Der Jüngere machte sich nur noch kleiner, als er ihn wieder ansprach und jeden Versuch ihn zu berühren schlug er aus und schien richtig hysterisch zu werden.
Villano kam auf die Situation nicht wirklich klar und tat das Einzige, was ihn einfiel: Er rief Angelo an.



Joliet, Illinois - 05. Juni 1998 - 15:31 Uhr



Ich finde es bemerkenswert, dass du das so durchgezogen hast, Boss!“, sprach Alfredo anerkennend und sah in den Rückspiegel. Er beobachtete den Jüngeren, der in sich hinein grinsend auf dem Rücksitz saß. Alfredo kannte die Milano-Zwillinge schon seitdem sie klein waren und Angelo war schon immer ein guter Schauspieler gewesen, aber er schien es nicht nur perfektioniert zu haben, sondern es perfekt ausspielen zu können.
Das liegt nur daran, dass nicht einmal du meine Pläne kennst!“ Selbstgefällig sah er direkt in die Spiegelung seines Fahrers. Er ließ sich ungern in die Karten gucken, vor allem nicht, wenn es um Kieran ging.
Noch bevor Angelo wieder das Wort erheben konnte, klingelte das Autotelefon und er griff nach dem Hörer. „Milano?“ Sofort zuckte er zusammen, als er den unerwarteten Schrei hörte, der aus der Hörermuschel dröhnte.



Er hört nicht auf zu schreien!“



Angelo erkannte für panische Stimme seines Bruders und hob den Blick, wieder zu Alfredo: „Fahr mich Heim! SOFORT!“, sagte er bestimmend und beobachtete, wie der Ältere sofort den Wagen drehte. „Ich bin gleich da!“ Er drückte den Hörer fest zurück in die Halterung. Unruhig rutschte er auf dem Sitz hin und her. Das passte ihn nicht! Das passte ihn gar nicht! Seine Finger krallten sich in die Anzugshose, die er trug und sorgten dafür, dass diese Falten schlug.
Was denn los, Angelo?“, fragte der Mann auf dem Fahrersitz und drehte sich leicht nach hinten um, um den Brünetten anzusehen.
Geht dich nichts an! Gib lieber Gas!“ Die Stimme des Milanos war ein einziges Knurren.
Alfredo sah sofort wieder nach vorne auf die Straße, beschleunigte und schaltete höher, immerhin war es ein Auto mit Schaltung. Auch, wenn die meisten im Land eher mit Automatik fuhren, war ihn das einfach... Europäischer! Es war wie ein bisschen Heimat beim Fahren, immerhin war auch er Italiener. Dennoch wunderte es ihn, dass der andere so nervös schien. Das passte so gar nicht in dessen abgeklärtes Bild, was er immer von sich gab. Aber welches Recht hatte er es schon zu urteilen? Er wusste ja eh nicht mal von allen seinen Plänen.



Das schwarze Auto kam durch seine Bremsen recht abrupt vor dem Hochhaus, in dem die Milanos wohnten, zum stehen. Der Ältere der beiden Zwillinge sprang förmlich von dem Rücksitz aus dem Auto, ließ sogar die Tür offen stehen und lief schnellen Schrittes nach drinnen zum Pförtner des Hauses. Er nickte ihn nur kurz zu und drückte immer wieder auf den Knopf zum Fahrstuhl. Dieses scheiß Ding, warum brauchte es so lang?
Die Türen waren nicht einmal halb geöffnet, als er schon zwischen den metallenen Türen hindurch sprang und sofort auf die Sieben des Tastenfeldes hämmerte, weil man dies nicht mehr als drücken bezeichnen konnte. Richtig ungeduldig wartete er darauf, dass sich die Türen schlossen, was man vor allem daran gut sah, dass er selbst in dem Fahrstuhl noch auf und ab tigerte.



Irritiert sah Alfredo seinem jungen Boss nach. Irgendwas schien an diesem Anruf gewesen zu sein, was ihn unglaublich Sorgen machte, aber was, das konnte er nicht sagen. Seufzend stand der Italiener aus, schloss die Tür des Wagens und setzte sich zurück hinter das Steuer. Am besten wartete erst einmal hier, vielleicht kam Angelo ja wieder heraus. Vielleicht auch nicht.



Joliet, Illinois - 05. Juni 1998 - 16:27 Uhr



Hektisch riss Angelo die Tür zu seinem eigenen Schlafzimmer auf. Als er die Wohnung betrat, begrüßten ihn bereits die panischen Schreie des Kindes und er konnte wirklich nicht sagen, was das zu bedeuten hatte! „Was ist los?“ Er schrie Villano beinah an, als er im Raum stand, doch sein Zwillingsbruder sah ihn einfach nur hilflos an. Er wusste es nicht! Kieran schrie nur, schlug nach ihm und antwortete nicht.
Kobold! Hey, Kieran! Hey!“, begann jetzt Angelo und näherte sich dem Bett. „Hey...“ Er versuchte die Aufmerksamkeit des Jungen zu gewinnen, der zugleich den Kopf hob und sich mehr oder weniger an den Hals des Älteren Milanos warf. Er fing schlagartig an zu weinen.
Sehr überfordert sah er auf seinen Bruder, der hingegen sehr verwirrt schien. Was war denn jetzt los? Warum war dieser Junge ihn gegenüber so feindselig und Angelo gegenüber so offen?



Zögerlich legte Angelo seine Arme um das weinende Kind und seine Stirn war ein einziges Gebirge, so sehr hatte er sie in Falten gelegt. Ganz vorsichtig, als wäre Kieran eine Bombe, die jeden Moment explodieren könnte und das Weinen wäre nur der Zünder, den man gestartet hatte.
Für Angelo überraschend, beruhigte sich der Junge in seinen Armen Stück für Stück. Er verstand die ganze Situation nicht. Hatte er den Jungen etwa irgendwie kaputt gemacht, als er die paar Irren auf ihn gehetzt hatte? Sie sollten ihn ja auch nur Angst machen und nicht schlagen. Das war nicht geplant gewesen, das stimmte schon, aber dennoch. Hatte er ihn damit kaputt gemacht?



Wow... der Kobold scheint dir unglaublich zu vertrauen... mehr als mir auf jeden Fall...“, flüsterte Villano dann nach einer Weile.
Angelo sah auf und wand seinen Blick zu seinem Bruder. Er musste jetzt aber aufpassen nicht zu grinsen. Kieran vertraute ihn also, das waren doch mal sehr, sehr, sehr gute Neuigkeiten. So sehr sogar, dass er sich nur bei ihm beruhigte? Oh Angelo fühlte sich gerade wie als wäre Weihnachten und sein Geburtstag an einem Tag. Oh diese Neuigkeiten gaben ihn das Gefühl, als müsste er jetzt erst einmal Feiern gehen! Aber zeigen tat er davon nichts, er nickte nur zögerlich. „Meinst du? Hauptsache der Kleine beruhigt sich!“ Er zog Kieran mehr an sich und beobachtete den Jungen.
Der Schwarzhaarige drückte seinen Kopf an die Brust des Italieners und lauschte dessen Herzschlag. Zu dem mochte er den Geruch, der von Angelo ausging. Er roch nach einer Mischung von Aftershave und einem Shampoo mit Lavendelextrakt. Es war so beruhigend für ihn im Moment, dass er schließlich sogar einschlief.



Ich mache mal was zu Essen... und einen Tee für ihn... nicht, dass er nach dem ganzen Schreien noch heißer wird...“ Villano, der beruhigt war darüber, dass der Junge nicht mehr schrie, verließ das Zimmer. Vor ein paar Stunden hätte er es noch sehr bedenklich gefunden, dass Kieran sich nur von Angelo beruhigen ließ oder besser gesagt ihn so stark zu vertrauen schien, doch nachdem er gesehen hatte wie viel Sorgen sich Angelo um das Kind machte, besorgte ihn das nicht mehr. Angelo würde dem Jungen nichts gefährliches antun, soviel war für ihn nun sicher. Und immerhin, fühlte es sich mittlerweile so an, als gehörte Kieran zur Familie, als wäre er ihr kleiner Bruder!



Zufrieden grinsend sah Angelo auf den schlafenden Jungen in seinen Armen. „Du hast keine Ahnung, was für ein Geschenk du mir damit machst....“, raunte er ihn leise entgegen und hatte nun das Grinsen auf den Lippen, das er vor seinem Bruder verstecken wollte. Seine grünen Augen funkelten voller Freude förmlich. Angelo konnte nicht glauben wie gut seine Pläne funktionierten! Zumal es Kieran ihn jetzt nur noch leichter machte einen Keil zwischen ihm und Villano zu treiben und letztlich den Kleinen dazu zubringen, dass er ihn Blind vertraute, noch mehr als er es nun schon tat! Sie waren auf einen sehr, sehr guten Weg!!



Joliet, Illinois - 13. Januar 2002 - 09:41 Uhr



Nervös setzte Kieran einen Fuß vor den anderen. Er stand im Parkhaus des Hochhauses in dem er mit den Zwillingen wohnte und wartete auf Angelo, der etwas oben vergessen hatte. Es behagte ihn überhaupt nicht! Sei dem Vorfall von vor zirka drei Jahren mochte er keine uneinsichtigen Orte. Immer erwartete er, dass jemand auftauchte. Allgemein ging er lieber in Begleitung nach draußen, als allein. Aber er sollte ja hier nur warten, also was sollte schon groß passieren?



Sie an, sie an... der kleine Kobold!“
Die Stimme jagte Kieran wie immer einen Schauer über den Rücken. Er drehte sich leicht und warf einen Blick auf den Mann hinter ihm. Sehr hellbraunes kurzes Haar, dass bis auf eine Strähne nach hinten gegelt wurden war. Eine schmale Brille mit schmucklosem Gestell, die den blauen Augen zu mehr Sehkunst verhalf. Dazu ein dummes Grinsen auf den viel zu schmalen Lippen und eine Narbe am Kinn. Alfredo, wer auch sonst. Kieran mochte ihn nicht. Er war ihn viel zu aufdringlich. Er hatte die letzten Jahre öfters auf ihn aufgepasst und war allgemein immer dafür zuständig gewesen den Schwarzhaarigen irgendwo hinzufahren, da Angelo ihn nicht mehr als Fahrer benötigte. Der Junge fühlte sich bei ihm immer unwohl. Er wusste nicht was es war, aber Alfredo war ihn von Anfang an suspekt gewesen. „Ich heiße Kieran!“, platzte es patzig aus dem Jungen heraus und er wand den Älteren den Rücken zu. Doch irgendwie fühlte es sich falsch an, denn er spürte noch immer dessen bohrenden Blick.
Du siehst immer noch aus wie ein kleines Kind, Kieran!“ Man konnte hören, dass er beim sprechen grinste und extra den Namen betonte um den Kleinen zu provozieren und es klappte fantastisch!
Kieran wirbelte herum und kniff die Augen wütend zusammen, während er seine Lippen fest aufeinander presste. „Ich sehe nicht aus wie ein kleines Kind!!“ Er hasste es, wenn ihn jemand auf seine kindlichen Züge ansprach. Es stimmte schon, dass er für einen fast Zwölfjährigen wirklich klein war und auch sehr kindliche Züge hatte, doch Angelo sagte immer, wenn er erst einmal in die Pubertät kam, dann würde sich das alles von allein regeln!



Provoziere K nicht immer!“, ertönte die genervte Stimme von Angelo hinter dem Jungen, der sich zugleich umdrehte und über das ganze Gesicht strahlte. Er lief ein paar Schritte auf den Milano zu und lächelte ihn an. Kieran mochte Angelo wirklich sehr, sehr gern. Er war immer so lieb zu ihn und ließ ihn immer noch in seinem Bett schlafen, wenn Kieran schlecht träumte, was sehr oft vorkam. Und vor allen Dingen beschützte er ihn vor dem Bösen.
Perdonami, Angelo.“ Doch wenn man das Grinsen auf seinen Lippen sah, dann wusste er, dass er es gar nicht so meinte mit der Bitte um Verzeihung. So überhaupt nicht. Denn er hatte gelernt, wenn der Kleine nicht hinsah war es egal wie man schaute. Die Hauptsache war, dass die Worte überzeugend klangen! Genauso, wie Angelo es auch machte.
Entschuldige dich lieber, bei dem Kobold!“ Er legte seine Hand auf Kierans Kopf und wuschelte ihn durch das schwarze Haare, worauf hin dieser ein Glucksen von sich gab. Er mochte diese Berührung von Angelo wirklich sehr. „Oder, K?“
Kieran sah auf und nickte eifrig, schnappte sich den Unterarm von Angelo und schmiegte sich daran, während er sich wieder Alfredo zu wand und begann ihm giftige Blicke zuzuwerfen, worauf Angelo ihn sanft in die Seite kniff. „Kieran, sei lieb!“
Ach manno...“ Demonstrativ schon er die Unterlippe nach vorn und wand seinen Blick von dem schmierigen Kerl ab. Er mochte ihn nicht und Punkt.
Der Milano rollte genervt die Augen zu bewegte seine Hand in Richtung Auto, damit Kieran sich in Bewegung setzte. „Einsteigen, wir fahren gleich los! Ich reden noch kurz mit Alfredo! Und drehe an keinen Knöpfen herum, das Auto ist neu!“
Okay!“ Kieran kletterte in das Auto und setzte sich brav hinein. Er saß auf dem Sitz und sah sich drin um. Es war das erste Mal, dass er mit dem Auto mitfahren konnte! Angelo hatte es vor ein paar Tagen gekauft, aber bisher war noch nie die Zeit gewesen.



Angelo beobachtete den Jungen und zog den Kragen seines Mantels etwas höher. Es war Januar und schweinekalt. Dafür hasste er diese Stadt. Im Winter froh man sich einfach alles ab, was der Körper hervor brachte.
Er wird langsam aufmüpfig!“, beschwerte sich Alfredo und warf einen Blick zu dem Jungen im Auto.
Du provozierst ihn ja auch immer... und ich hab ihn gesagt er kann sich ruhig zur Wehrsetzen, wenn du ihn dumm anmachst!“
Aber, Boss...“
Was... noch stehst du unter ihm. Also lass es dir gefallen!“
Wann ist es denn so weit?“
Angelo fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die kalte Nase, bevor er grinste. „Bald... nach dem Geburtstag des Jungen verzieht sich Villano endlich... ich hab es in seinen Briefen gelesen... er hat zwar noch nichts gesagt... aber ich bin ihn bald los...“
Und was machst du dann mit den Jungen?“
Das erfährst du, wenn es so weit ist!“ Er öffnete sich ein paar Knöpfe seines warmen Mantels und zog einen Umschlag aus der Hand. „Die Neuen kommen heute um 12 Uhr beim Hafen an. Begutachte sie. 300 für Brauchbare und für alles was nicht brauchbar ist, gibst du kein Geld aus... sortiere sorgfältig aus!“
Geht klar, Boss!“ Alfredo verabschiedete sich von Angelo, ging an dessen neuen Auto vorbei. Seine Finger trommelten gegen das Fenster der Beifahrertür, als er daran vorbei ging und grinste den Jungen zu, der sofort wieder zu funkeln anfing. Erst, als die Autotür auf der anderen Seite lautstark geschlossen wurde, zuckte Kieran zusammen und wand seine Aufmerksamkeit wieder Angelo zu, der ihn eindringlich ansah. Kieran atmete lautstark aus, bevor er schuldbewusst auf seine Hände sah, die auf seinem Schoß lagen. „Ich weiß.... lass dich nicht von Alfredo provozieren...“
Warum lässt du dich dann immer provozieren?“
Er hat gesagt, ich sehe aus wie ein Kind!!“
Kobold, du wirst 12... du bist noch ein Kind!“
Aber das muss mir der nicht sagen....“ Er schob seine Unterlippe wieder nach vorn und hörte dann einen genervten Laut, von der Fahrerseite. „Kieran...“
Ja... okay... ich hab etwas über reagiert... aber ich mag ihn nicht sonderlich...“
Angelo brach dort die Unterhaltung ab! Er hatte das alles schon viel zu oft durch diskutieren müssen, dass er nicht schon wieder Bock darauf hatte, sich den Mist anzuhören. Kieran mochte Alfredo nicht und seine rechte Hand nutzte das vorzüglich aus! Es ging ihn so gegen den Strich. Er war einfach nur froh, wenn dieses gezicke bald vorbei war! Aber für den Moment musste er sich das noch eine Weile antun! Immerhin war er sich in seinen Plan noch nicht ganz sicher! Aber auf den allerbesten Weg dorthin.


Joliet, Illinois - 13. Januar 2002 - 10:07 Uhr
Wo fahren wir eigentlich hin?“, fragte Kieran nach einer Weile und sah rüber zu Angelo, der unruhig mit den Fingern über das Lenkrad trommelte. Er mochte keine roten Ampeln! Sie hinderten ihn am fahren und brachten ihn immer wieder dazu stehen zu bleiben!
Wir kaufen so etwas ein, das heißt Lebensmittel!“
Du machst mich dumm?“
Ein kleines bisschen!“, Angelo grinste ihn an und lachte dann auf. „Nein, ich zeig dir einfach nur was!“ Er nickte und fuhr mit ihn weiter durch die Stadt.
Kieran beobachtete die Menschen auf den Straßen. Er hatte nicht viel Kontakt zu ihnen und er wollte ihn auch nicht wirklich haben. Er erwartete hinter jeder Ecke irgendwie das Böse und es wurde eher schlechter als besser. Villano bestand zwar immer darauf, dass er mit ihn rausging, aber Kieran weigerte sich meist strickt dagegen. Er und Villano hatten so oder so nie das beste Verhältnis gehabt und seit einiger Zeit war es irgendwie noch schlechter geworden. Der Schwarzhaarige warf einen Seitenblick zu Angelo, begann leicht zu lächeln und sah dann wieder nach draußen zum Fenster, wo ihn dann schlagartig seine eigene Spieglung peinlich war. Eigentlich war es ihn aber auch total egal, dass er und Villano sich irgendwie voneinander entfernten! Hauptsache er konnte Zeit mit Angelo verbringen und dieser entfernte sich nicht von ihm!


Joliet, Illinois - 13. Januar 2002 - 11:13 Uhr
Kieran, wach auf!“ Der Schwarzhaarige öffnete schwerfällig seine Augen und sah sich gähnend um. „Hnn?“
Schau mal raus!“
Gähnend streckte sich der Jüngere und bewegte seinen Kopf leicht hin und her, damit dieser nicht noch mehr weh tat. Er hatte in einer dummen Position geschlafen und das rächte sich nun schrecklich bei ihm! Kieran richtete seinen Oberkörper mehr auf und sah dann raus zum Fenster. „Das Ferienhaus?“, er war verwirrt und öffnete schnell die Tür. Zugleich drückte sich kalte Luft in sein Gesicht und brachten ihn sofort zum frösteln. Der Junge knöpfte schnell seine Winterjacke zu und sah sich um. „Hier waren wir ja schon ewig nicht mehr!“ Er konnte von dem Ferienhaus aus den See sehen, der jetzt mit einer Schicht aus Schnee und Eis bedeckt war.
Ich dachte, dass es dir gefallen würde!“ Angelo grinste ihn selbstsicher an, ging an den Kofferraum und öffnete ihn. Er beugte sich hinein und kurz darauf hörte man, wie die Klappe ins Schloss fiel. „Und ich dachte, dass wir vielleicht etwas Schlittschuhe fahren... und... ich dich einseifen werde, bis du weiße Haare hast!“
Der Junge lief mit großen Schritten, wobei er immer wieder tief im Schnee versank, auf Angelo zu und drückte ihn zugleich. „Du bist der aller Beste!“ Kieran strahlte ihn einfach nur an! Angelo war einfach der aller Beste und er hatte ihn so gern! Und es fiel ihn auch schwer ihn nicht gern zu haben, so ein toller Mensch war er zu ihn! Kieran musste eins sagen, er hätte es nicht besser treffen können als mit diesem Mann!


Michigansee Illinois - 13. Januar 2002 – 14:01 Uhr
Keuchend und lachend zugleich ließ sich der Schwarzhaarige in den Schnee fallen und schützte sein Gesicht mit den Handschuhen. Nachdem Angelo und er Schlittschuhe gelaufen waren – und Kieran festgestellt hatte, dass er das um einiges besser beherrschte als der Milano – hatten sie ich eine wilde Schneeballschlacht geliefert! Die so aussah, dass Kieran durch und durch von Schnee bedeckt war! Er konnte einfach kein Stück zielen und hatte so immer einen riesen Bogen an Angelo vorbei geworfen, während dieser ihn sicher immer wieder einen Schneeball nach den anderen entgegen geworfen hatte.
Lachend ging der Milano auf den Jungen zu, der sich so versuchte zu schützen. Langsam ging er runter in die Knie und grinste fies. „Gibst du auf?“
Ja..ja.. bitte.. nicht mehr!“ Kieran konnte vor lachen kaum richtig sprechen! Ihn gefiel das sehr! Diese Ausgelassenheit und dieses einfach Kind sein, war wirklich sehr schön!
Gut... dann komm hoch!“ Angelo hielt ihn eine behandschuhte Hand hin und nur langsam richtet sich Kieran auf, griff danach und quietschte im nächsten Moment unglaublich laut auf. Angelo hatte es ausgenutzt, dass er sich nur auf seine Hand konzentriert hatte und ihn darauf hin erst einmal voll einen Schneeball ins Gesicht gedrückt.
Gewonnen!“ Er grinste ihn an.
Kieran war für einen Moment so perplex, dass er gar nicht richtig schalten konnte. Dementsprechend handelte er auch ganz automatisch, als er sich mit seinem Fliegengewicht gegen den Italiener hatte. Zum Glück hatte er den Überraschungsmoment auf seiner Seite und beförderte den Zwilling erst einmal voll in den Schnee! Schnaufend lag er auf ihn und begann ihn, sobald er sich seiner überlegenen Position bewusst geworden war, Schnee ins Gesicht zu schmieren! Doch Kierans Triumph war nicht von langer Dauer. Zu schnell hatte Angelo seine Hände umgriffen und hielt ihn davon ab, weiter mit Schnee um sich zu werfen. „Der war gut!“
Kieran, der erst noch dachte, es gäbe jetzt vielleicht Ärger, lächelte sofort, als Angelo es auch tat und war einfach nur guter Dinge.
Angelo richtete sich ohne Probleme unter den Jungem auf, drängte ihn damit mehr oder weniger auf seinen Schoß. „Wir sollten heimfahren... du bist aus irgendeinen unerfindlichen Grund voller Schnee und wir wollen ja nicht, dass du krank wirst!“ Der Italiener beugte sich nach vorn und gab Kieran einen Kuss auf die Wange.
Sofort sprang der Junge auf und lief zu ihren Schlittschuhen und rannte förmlich zum Auto. Angelo hatte ihn eine Kuss gegeben! Er konnte gar nicht verstehen, wie das denn passiert war! Das war so toll! In Kierans Bauch fühlte es sich an, als würde sich alles zusammenziehen, aber es fühlte sich total gut an! Ob es das war, was die Leute 'Schmetterlinge im Bauch' nannten?



Joliet, Illinois – 20. Februar 2002 – 11:28 Uhr
So... und dann musst du... Kieran, hörst du mir überhaupt zu?“
Der Schwarzhaarige sah auf und musterte Villano, der neben ihn stand und ihn gerade versuchte das kochen beizubringen. Aber darauf hatte der Junge so überhaupt keine Lust. „Eh.. klar.. Klein schneiden und dann sal-pfeff- irgendein Gewürz!“ Er rieb sich unsicher den Hinterkopf und hörte als Antwort nur ein genervtes Ausatmen. „Geh in dein Zimmer... das hat keinen Sinn!“
Okay!“ Kieran drehte sich sofort um und verschwand in seinem Zimmer. Gut, eigentlich war es mal das Arbeitszimmer gewesen, doch es hatte eine Schlafcouch und Kieran nutzte es schon seit Jahren als sein Zimmer, auch wenn er echt oft in Angelos Bett schlief. Aber er konnte auch nichts dafür! Er träumte so unglaublich schlecht! Immer wieder träumte er von einer Hexe mit zerzausten Haar und schriller Stimme, die ihn jagte und seinen Namen rief. Er wusste nicht warum, aber seit dem er sich erinnern konnte träumte er diesen Traum und er machte ihn so unglaublich Angst!
Seufzend ließ Villano das Messer auf die Arbeitsfläche nieder und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Wie sag ich ihnen das bloß...?“


Joliet, Illinois – 20. Februar 2002 – 12:04Uhr
Der Schlüsselbund klimperte auf, als Angelo den Wohnungsschlüssel ins Schloss steckte und aufschloss. Er war kaum in der Wohnung, da kam Kieran auch schon aus seinem Zimmer gestürmt und umarmte dessen Hüfte. „Hii!“ Der Junge grinste über beide Ohren und wartete nur darauf, dass der Milano ihn am Kopf tätschelte.
Angelo sah zufrieden aus. „Na, hast du gewartete, Kobold?“ Er wusste, dass Kieran mit „Nein.“ antworten würde und er wusste auch, dass es unglaublich gelogen war! Sein kleines Hündchen wartete immer auf ihn! Deswegen war er auch immer sofort zur Stelle, wenn er aufschloss. Kieran wartete darauf einfach!
Komm, gehen wir essen!“ Er war nur deswegen hier! Sein Bruder hatte ihn gebeten gegen Mittag zu Hause zu sein, weil er kochte und irgendwas verkünden wollte! Und das ließ sich Angelo doch nicht entgehen!


Sie gingen zu Tisch und Kieran half Villano noch mit decken, ehe er sich selbst setzte. Dann, als Letzter, setzte sich Villano an den Tisch. Er wartete nicht ab, bis die anderen sich etwas nahmen. Es musste jetzt raus, bevor er den Mut verlor: „Ich ziehe nächsten Monat nach Italien!“

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