Mittwoch, 16. Juli 2014

OS - Nacht

Man sagt, dass nichts einem Menschen mehr Angst einflößt, als die Stille der Nacht an einer verlassenen Straße, die an einen Wald angrenzt. Es wäre nicht das Ambiente, welches die Furcht auslöst sondern eher die Erwartung auf möglich kommendes, die den Verstand verführt und ihn in jeden noch so kleinen Geräusch sogleich etwas schreckliches vermuten lässt.
Miquels Bruder hatte das immer zu ihm gesagt, als sie noch klein waren. Oft waren sie dann, es Nachts, nach draußen und als Mutprobe in den nahe liegenden Wald gegangen. Und jedes Mal war Miquel schreiend und weinend wieder nach Hause gerannt. Denn Enrique, sein Bruder, hatte natürlich dafür gesorgt, dass Miquels Verstand ihn einen Streich spielte und den Kleinen erschreckt.

Gerade jetzt erinnerte sich Miquel daran. Jetzt, wo er am Rand dieses düsteren Waldes entlang lief und nichts außer seinen Schritten in seinen Ohren dröhnte. Zwischenzeitlich hatte er sich sogar schon Schritte eingebildet, die nicht seine eigenen waren, doch niemand war hier außer ihm. Im normal Fall sollte so etwas einen ja beruhigen, aber bei Miquel war es gerade alles andere als so. Er suchte jemand! Er suchte Lan. Lan war sein Freund. Die beiden waren jetzt schon seit drei Jahren ein Paar und eigentlich auf einem kleinen Roadtrip nach New York, doch irgendwie waren sie mitten in der Einöde gelandet.
Miquel wusste nicht mehr viel von dem, was passiert war, warum er allein war! Er wusste nur, dass es geregnet hatte. Die Scheibenwischer konnten der Kraft des Wassers nicht mehr stand halten und er musste das Auto beinah in Schrittgeschwindigkeit führen. Lan war auf dem Beifahrersitz gesessen. Der Spanier erinnerte sich daran, dass er immer wieder gesagt hatte, dass er doch einfach anhalten sollte, doch Miquel hatte sich geweigert. Er wollte nicht mitten im Nirgendwo auf einer Straße halten, wo sie vielleicht noch wer übersah. Sie hatten sich begonnen zu streiten und dann war es hell geworden und Lan hatte seinen Namen gerufen.

Das Nächste an das sich der Blonde erinnern konnte war, dass er im Auto war, auf einen Rastplatz, nahe der Straße. Der Regen hatte aufgehört und Lan war verschwunden, die Beifahrertür weit offen.
Sofort war er aus dem Auto gesprungen. Laut hatte er nach seinem Freund gerufen, doch er bekam keine Antwort. Auch mit dem Handy hatte er es versucht, doch das er hier, so nah am Wald, kein Signal fand, wunderte ihn nicht.
Nun lief er. Er lief die Straße entlang und lauschte. Warum er gerade diese Richtung ging wusste er nicht genau, aber von dort waren sie immerhin gekommen, nahm er zumindest an.
Aufmerksam lauschte er der Umgebung, doch nichts war zu hören außer seinen eigenen Schritten. Miquel machte sich Sorgen! Unglaubliche Sorgen. Warum war Lan verschwunden? Wo war? Würde er ihn finden? Würde es ihn gut gehen?
Wie lang er unterwegs war, das wusste Miquel nicht. Es war zu dunkel um seine Armbanduhr erkennen zu können und sein Handy hatte kurz nach Beginn seines Fußmarsches den Geist aufgegeben.
Er konnte nur an eines denken: Lan.
Wie eine Leuchtreklame tauchte sein Name immer wieder vor seinem inneren Auge auf. Vielleicht war das auch der Grund, warum er den kühlen Nachtwind zwar auf seiner Haut spürte, doch nicht wirklich war nahm. Er war da, doch eher wie eine Dekoration, die man auf seinen Nachtschrank stellte und nicht wie eine Decke, die man desöfteren auch einmal berührt.

Als Miquel die nächste Stadt erreichte, kam es ihn vor, als würde es bald dämmern. Er suchte sofort den auffälligsten Punkt, den er sehen konnte und lief darauf zu. Es war ein typisches Diner. Eher lang als breit, mit einigen LKWs davor, dessen Fahrer sicherlich versuchten sich sich irgendwie wach zu halten.
Der Blonde wusste nicht wieso, doch irgendwie hoffte er, dass Lan genau dort war. Mit schnellen Schritten lief er auf den Laden, mit der Schrift aus roten Neonröhren, zu. Es war wie ein Strohhalm an den sich ein Ertrinkender klammerte.
Hastig eilte er die Stufen hinauf und drückte die Tür nach innen. Eine Glocke erklang, mit einen kurzen Klingeln, doch keiner sah zu ihm auf. Miquel war es egal, er suchte jemand.
Seine blauen Augen suchten die Sitze ab und dann blieb sein Herz für einen Moment stehen, ehe es einen hastigen Hüpfer machte.
Es war Lan.
Miquel lief an allen Stühlen vorbei, bis hinter zur letzten Sitzecke. Dort saß er. Sein Freund. Er hatte seinen Kopf auf die Hände gestützt, wobei seine Augen nach draußen sahen. Der Jüngere schien die Nacht zu beobachten, auch wenn man sich nicht sicher war, ob er überhaupt mehr sah als sein Spiegelbild. Seine Finger, die auf seine Wangen berührten, wippten zur Musik und er schien vollkommen ruhig zu sein.

“Wo warst du denn? Warum jagst du mir so einen Schrecken ein?”, platzte es aus Miquel heraus. “Ich habe dich gesucht! Ich dachte schon, dass dir weiß Gott was passiert ist!” Der Blonde ließ sich gegenüber Lan auf den roten Ledersitz gleiten und griff sofort nach den Händen des anderen.
Langsam drehte Lan seinen Kopf zu Miquel und lächelte ihn an. In diesem Moment konnte Miquel nicht mehr sauer auf ihn sein, egal wie sehr es auch wollte.
“Ich wusste, dass du mich findest!”, mehr sagte er nicht, ehe er wieder nach draußen sah.
Miquel folgte mit den Blick dem seines Freundes und für einen Moment erschrak er, doch dann schien alles normal zu sein. Miquel starrte seine Spiegelung an. Sie war da, Lan war da, das Diner war da, warum hatte er im ersten Moment alles, nur nicht sie gesehen?
Der Blonde schloss die Augen und rieb sich den Nasenrücken. Er war sicherlich einfach nur müde. Es war kein Wunder! Immerhin war er lange gelaufen und vorher waren sie mit den Auto schon lange unterwegs gewesen. “Lass uns hier im Ort ein Zimmer nehmen und morgen weiter fahren!”, schlug er Lan vor, der sich wieder zu ihn gedreht hatte.

Lan sah auf Miquel und irgendwie lag etwas Schwermütiges in der Luft. Miquel konnte es spüren. Der Rotschopf griff nach Miquels Händen und der Spanier konnte seinen Blick nicht deuten. “Lan?”, fragte er zugleich besorgt nach und hielt die Hände seines Freundes so fest wie er nur konnte.
“Was hörst du?”
Miquel zog die Augenbrauen zusammen. “Was ich höre?”, fragte er nach und Lan nickte. Der Blonde strafte die Schulter, leckte sich über die Lippe und lauschte. “Ich höre wie die Menschen sich am Nachbartisch unterhalten, die Straße, die Jukebox… was soll ich hören?” Sein Blick lag wieder auf Lan, doch der schien mit der Antwort nicht zufrieden zu sein.
“Was siehst du?”
Langsam wurde Miquel die Sache unheimlich. Worauf wollte Lan hinaus? Er sah sich um. “Ein Diner?”
“Sieh genauer hin!”
Miquel atmete hörbar aus und sah sich dann im Diner um. Er beobachtete die Menschen und ihn fiel etwas in ihren Blicken auf. Sie sahen zu dem Tisch an dem sie saßen, doch ihre Blicke dabei wirkten verängstigt oder unsicher. Er sah sich weiter um und bei manchen schien es als würden sie durch ihn hindurch sehen, als ihn wirklich an. Da fiel Miquel wieder die Spieglung ein, die ihn so irritiert hatte. Sofort sah er herüber zum Fenster und stockte.
Er und Lan, sie spiegelten sich nicht. Alles spiegelte sich, doch sie nicht. “Wie ist das möglich?”
“Ich wusste doch, dass du nicht blind bist…” Miquel war vorher gar nicht aufgefallen wie ruhig und entspannt Lans Stimme doch war. Sonst klang er immer so aufgeregt, bei so gut wie allem was er tat und es gab eigentlich nur eine Situation wo er so entspannt sprach, nach dem Sex, kurz vor dem Einschlafen.
“Aber…?”

Lan drückte die Hand von Miquel und zog damit dessen Aufmerksamkeit wieder in sein Gesicht. “Du weißt gar nicht wie lange ich schon hier auf dich warte…”, flüsterte er und stand schließlich auf. Er streckte seine Hand zu dem Blonden hin und als dieser sie nahm und sich gerade erheben wollte, fiel es ihn plötzlich alles wieder ein.
Sie waren im Auto gesessen bei diesem scheiß Wetter! Lan hatte unglaubliche Angst gehabt und er wollte ihn beruhigen. Er hatte nur für einen Moment nach drüben zu Lan gesehen, als dieser laut seinen Namen schrie.
Ein Auto kam auf sie zu gerast, viel zu schnell für die nassen Straßen und Miquel konnte einfach nicht mehr rechtzeitig anhalten.

Der Blonde sah auf Lan, der ihn einfach nur sanft anlächelte und er konnte nicht anders als mit in dieses Lächeln einzustimmen.

“Ich lasse dich nie mehr so lange warten!”

1 Kommentar:

  1. ein super blog !!!

    p.s hast nun ein Follower mehr !!!

    würde mich auf dein feedback rießig freuen und natürlich auf nette stammleser !

    mfg
    http://versuch908.blogspot.de/

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